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Im Zeichen des Terrors
Erleben wir einen "Kampf der Kulturen"?

  Vortrag an der Bayerischen Beamtenfachhochschule der Polizei in Fürstenfeldbruck im Herbst 2002


Das Verhältnis zwischen Islam und dem Westen nach dem 11. September 2001

Wer diese Bilder gesehen hat – und wer hat sie nicht gesehen, immer und immer wieder – wird sie nicht mehr vergessen: den Einschlag erst des einen, dann des zweiten Passagierflugzeuges in die Türme des World Trade Center in New York. Das brennende Inferno, Menschen, die auf der Flucht vor Hitze und Flammen aus großer Höhe – sich teilweise an Händen haltend - in den Tod springen, der beinahe Hollywood-reif wirkende Einsturz beider Gebäude, wie in Zeitlupe gedreht. Der 11. September 2001 ist eine Zäsur, eine Zeitenwende im öffentlichen Bewusstsein. Nicht allein wegen der rund 30001) Toten in New York, Washington und Pennsylvania. Die Terroranschläge richteten sich bewusst und gezielt gegen Symbole der westlichen Welt. Sie richteten sich gegen das Sinnbild des amerikanischen Traumes, die grenzenlosen Möglichkeiten des Kapitalismus, verkörpert durch das World Trade Center. Und sie richteten sich gegen die damit einhergehende politische und militärische Macht der Vereinigten Staaten, ihrer Schaltstelle im Pentagon.

Die Spuren des Verbrechens führen zu Osama bin Ladin. Er allein verfügt mit seiner al Qaida über ein weltweites Netzwerk an Sympathisanten, er allein verfügt über die logistischen und finanziellen Mittel, Anschläge dieser Größenordnung über Wochen, Monate, vielleicht Jahre hinweg vorzubereiten. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus wird die westliche Welt in den nächsten Jahren maßgeblich bestimmen.2) Ihn zu besiegen ist grundsätzlich nicht möglich. Wie der frühere amerikanische CIA-Chef Robert Gates gesagt hat, kann der politische Terrorismus nicht besiegt, sondern nur erstickt werden. Allerdings nicht mit militärischen Mitteln allein. Erforderlich ist ein Umdenken, vor allem mit Blick auf den Islam. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, bin Ladin nicht gleichzusetzen mit der Religion, auf die er sich beruft. Denn mit dem Islam, der im Koran offenbarten Heiligen Schrift, hat er ähnlich viel gemein wie die Kreuzfahrer mit der Bergpredigt – oder wie einst die Inquisition in Spanien mit der katholischen Theologie.

In der öffentlichen Debatte sind hauptsächlich drei Strömungen tonangebend. Die erste geht davon aus, dass die Terroranschläge in Amerika ein Angriff auf das westliche Wertesystem sind. Der Westen befindet sich im Krieg mit dem radikalen Islam, der seinerseits zum "Heiligen Krieg", zum Dschihad, gegen die Ungläubigen aufgerufen hat. Nicht die Amerikaner müssen die Frage beantworten, ob ihre Politik in der arabisch-islamischen Welt möglicherweise den Nährboden geschaffen hat für extremistische Gewalt, vielmehr müssen die Muslime erklären, warum sie die Terroristen finanzieren, ihnen Zuflucht gewähren und sie lauthals als Freiheitskämpfer bejubeln.

Die Anhänger dieser Strömung berufen sich gerne auf Samuel P. Huntington’s berühmt-berüchtigte Prognose eines "Clash of Civilizations", die als weltweiter Bestseller mit dem Titel "Kampf der Kulturen" 1996 auf deutsch erschien.3) Der "Kampf der Kulturen" verfolgt ein höchst ehrgeiziges Projekt: er versucht zu erklären, wie die Welt heute und morgen "im Innersten beschaffen" sei, was die großen Kollektive der Menschen zum Handeln, ja sogar zum Denken zwinge. Und das sei, so Huntington, die Entwicklung und Abgrenzung der größten existierenden menschlichen Kollektive auf der Erde: die Kulturen, die durch historische Nähe, gemeinsame Wertesysteme, Lebensweisen, Weltbilder und entsprechende gesellschaftliche und politische Denkweisen bestimmt seien. Interessanterweise gruppiert er seine Weltkulturen um Religionen und weist diesen in implizierter Anlehnung an Max Weber4) , eine entscheidende Rolle zu – angesichts der Säkularisierungstendenzen in vielen Teilen der Welt mag dies überraschen. Huntington schiebt diese "Entgottung" der modernen Gesellschaften aber beiseite und begreift den religiösen Fundamentalismus als den wichtigeren, bestimmenden Trend.

Daher argumentiert der amerikanische Politologe, die Konflikte im 21. Jahrhundert würden zwischen den Staaten und Gruppen der großen Kulturen ausgetragen und könnten in Weltkriegen neuer Dimension münden. Das 20. Jahrhundert sei das Zeitalter des Säkularismus und der Ideologien gewesen während das 21. Jahrhundert eine Ära der Religionen werde.5) Die Religionen negierten die zentrale These der Ideologien, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Sie auferlegten menschlichem Verhalten gewisse Beschränkungen; alle großen Religionen hätten Regeln und eine Sittenlehre gemeinsam. Insofern könne das 21.Jahrhundert ein besseres Säkulum werden als das vorherige.

Religionen sind weltweit auf dem Vormarsch, so Huntington, in Afrika, in Asien, im Nahen Osten, in Amerika; die einzige Ausnahme ist Westeuropa. Doch auch da gebe es Anzeichen einer sich anbahnenden Änderung. Als Gründe führt Huntington auf: das Scheitern von Nationalsozialismus, Sozialismus und Kommunismus, die Demokratisierung großer Teile der Erdkugel und die allgemeine Modernisierung mit dem Abwandern der Landbevölkerung in die Städte. Huntington vertritt die Ansicht, dass im Zuge dieser Entwicklung das westliche Modell eines säkularen Staates zunehmend in Frage gestellt werde. In Russland sei die Orthodoxie zur staatstragenden Kraft aufgestiegen, in Indien mache die Hinduisierung Fortschritte, in Israel gewännen die orthodoxen Kräfte des Judentums neue Anhänger, in Ägypten werde der politische Islam immer stärker (der Nasserismus6) sei nur noch eine bloße Erinnerung) und im Iran bleibe nach dem Scheitern der säkularen Ordnung des Schahs die höchste politische Entscheidungsgewalt trotz gegenläufiger Phänomene in religiöser Hand. Huntington liefert das theoretische Fundament für eine Denkschule, die seit den frühen neunziger Jahren vor allem in den USA das policy making wesentlich beeinflusst.

Es ist eine gefällige und bequeme Theorie, weil sie Machtfragen sowie politische, soziale und gesellschaftliche Gegensätze in den Bereich der Kultur verlagert und somit zu einer Schicksalsfrage stilisiert, ein naturgegebenes Ringen dunkler Kräfte, das sich jeder Analyse weitgehend entzieht – und somit auch der Möglichkeit, vermittelnd einzugreifen.7)

Die zweite Strömung, die in der öffentlichen Debatte den Ton angibt, ist gewissermaßen die Stammtisch-Variante der gerade erläuterten. Ihr prominentester Vertreter ist der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der nach den Terror-Anschlägen erklärte:

"Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Kultur bewusst sein – die aus Prinzipien und Werten besteht, die zu einem beträchtlichen Wohlstand für die Gesellschaft geführt haben. Bei uns gibt es Respekt für die Menschenrechte, die religiösen und politischen Rechte, den es sicher nicht in islamischen Ländern gibt. Bei uns gibt es Verständnis für die Verschiedenheit und Toleranz. Die Fähigkeit der Integration, der Toleranz, der Solidarität macht unsere Kultur zu etwas, worauf wir stolz sein können. Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern, aber ein anderer Teil davon ist um rund 1400 Jahre zurückgeblieben. Die Freiheit des einzelnen ist sicher nicht Allgemeingut der islamischen Welt. Diese Zivilisationen sind zu Taten fähig, die mich erschaudern lassen. Man muss nur sehen, wie die Frauen behandelt werden. Daher kann man die beiden Zivilisationen nicht auf dieselbe Stufe stellen." .8)

In ähnlicher Form argumentier der Diözesanbischof von St. Pölten/Österreich, Kurt Krenn, für den der Islam eine "aggressive, auch politische Religion" ist und der davon spricht, zur Zeit habe man es mit einer "dritten Türkenbelagerung" zu tun.9)

Man darf die Gefährlichkeit solcher Äußerungen nicht unterschätzen. Es trennt sie nur noch ein kleiner Schritt vom Generalverdacht gegen alles Islamische: Jeder Muslim ist minderwertig und ein potentieller Terrorist, auch der türkische Gemüsehändler um die Ecke. Globaleinschätzungen "des Islams" als fundamentalistische Bedrohung sind gefährlich, weil sie den Zielen der Islamisten entgegenkommen.10) Sie akzeptieren nämlich mehr oder weniger stillschweigend die Behauptung der islamistischen Ideologen, nach welcher sie und ihre Anhänger "den Islam schlechthin" vertreten und sie nehmen auch insofern die Ideologie der Islamisten an als sie unterstellen, zwischen diesem Islam und dem Westen bestünde eine Art Erbfeindschaft und eine Unvereinbarkeit, die beide unvermeidlich zu Todfeinden abstempeln. Solches trifft jedoch nicht zu. Die Islamisten sind nur eine kleine Gruppe innerhalb des Islam.

Aus der Berlusconi-Perspektive ist "Zivilisation" offenbar ein Frage des genetischen Codes, vergleichbar der Hochbegabung. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Eine kulturelle Größe, um es mit Huntington zu sagen.

Tatsächlich ist "Zivilisation" aber ein immerwährender Prozess, ein ständiges Ringen um Inhalte und Beständigkeit, um gesellschaftliche Dominanz gegenüber jenen Kräften, die ihre eigenen Machtinteressen höher bewerten als das Gemeinwohl. Zivilisation betrachtet als eine universelle Kategorie ethischer, technischer und sozialer Errungenschaften macht das gemeinsame Fundament aller Kulturen aus. Am klarsten hat dies wohl der große afrikanische Politiker und Poet, Leopold Sédar Senghor (vormaliger Präsident des Senegal) ausgedrückt, wenn er von einer "universellen, pan-menschlichen Zivilisation" sprach, einem "Rendezvous des Gebens und Nehmens", in die Ideen und das Wissen aller Menschen einfließen sollte. Diese Vision ist heute, mit der zunehmenden Interdependenz der Staaten, so aktuell wie nie zuvor. Und nie ist "Zivilisation" vor dem Absturz gefeit, wie das Beispiel Benito Mussolinis zeigt, an dem gemessen Saddam Hussein oder Osama bin Ladin geradezu wie Kleinkriminelle wirken.

Die dritte Strömung versucht bereits seit Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, dass Islam nicht gleich Islam ist. Ein Muslim in Europa muss sich mit anderen Gegebenheiten auseinandersetzen als ein Muslim in Indonesien oder im Jemen und wird sich entsprechend anders verhalten. "Der Islam ist", so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer, "überspitzt ausgedrückt, weitgehend das, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren".11)

Für diese pragmatische Sicht ein Beispiel aus den USA. Im Januar 1998 gab Zbigniew Brzezinski, in den siebziger Jahren Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter, dem Novel Observateur ein bemerkenswertes Interview. Darin räumte er zum ersten Mal öffentlich ein, dass die Amerikaner die afghanischen Mudschaheddin bereits sechs Monate vor dem Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan (24. Dezember 1979) unterstützt hatten. Brzezinski:

"Der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge begann die CIA 1980, d.h. nachdem die Sowjetarmee am 24. Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert war, die Mudschaheddin zu unterstützen. Aber die Realität, die bis heute streng geheim gehalten wird, ist eine ganz andere. Tatsächlich war es der 3. Juli 1979, an dem Präsident Carter die erste Direktive unterschreib, den Gegnern des prosowjetischen Regimes in Kabul verdeckt beizustehen. Am selben Tag teilte ich dem Präsidenten in einer kurzen Notiz mit, dass diese Hilfe meiner Meinung nach die Sowjets zu einer militärischen Intervention veranlassen würde".

Ob er diesen Schritt heute bereue, fragt ihn daraufhin der Reporter. Brzezinski erwiderte:

"Was soll ich bereuen? Diese geheime Operation war eine glänzende Idee. Wir haben dadurch die Russen in die afghanische Falle gelockt. Das soll ich bereuen? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten, habe ich an Jimmy Carter geschrieben: Wir haben jetzt die Gelegenheit, die UdSSR in ihren eigenen Vietnamkrieg zu verwickeln. Tatsächlich musste Moskau zehn Jahre lang einen Krieg führen, den die Regierung nicht rechtfertigen konnte, einen Konflikt, der die Sowjets demoralisierte und schließlich den Zusammenbruch des sowjetischen Reiches bedeutete".

Was aber sei mit dem islamischen Fundamentalismus, frage der Reporter. Ob es nicht ein Fehler gewesen sei, zukünftige Terroristen militärisch beraten und mit Waffen ausgerüstet zu haben.

Keinesfalls, so Brzezinski:

"Was ist bedeutsamer für die Weltgeschichte: die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Reiches? Einige aufgebrachte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?"

"Einige aufgebrachte Muslime?", fragte der Reporter verdutzt. Aber es werde doch ständig davon geredet, der islamische Fundamentalismus sei eine Bedrohung für die gesamt Welt? Die Antwort Brzezinskis:

"Unsinn! Es wird immer wieder gesagt, der Westen habe eine globale Strategie in bezug auf den Islam. Das ist albern. Es gibt keinen globalen Islam. Wir müssen uns rational mit dem Islam befassen, ohne Demagogie und Emotionen. Mit 1,5 Milliarden Anhängern ist er die führende Religion der Welt. Aber was haben saudi-arabische Fundamentalisten, das gemäßigte Marokko, pakistanischer Militarismus, das pro-westliche Ägypten oder zentralasiatischer Säkularismus gemeinsam? Nicht viel mehr, als christliche Länder verbindet".12)

Im Afghanistankrieg sind über 1 Millionen Afghanen und rund 15.000 sowjetische Soldaten getötet worden. Es ist eine Frage des Geschmacks, ein solches Blutbad als "glänzende Idee" zu bezeichnen. Aber Zynismus ist eine Eigenschaft, die vermutlich jeden Machtpolitiker auszeichnet. Das eigentlich Erstaunliche an dem Interview ist Brzezinskis Einschätzung über den "globalen Islam". Sie ist deswegen erstaunlich, weil sie nicht von einem Islamwissenschaftler stammt, dem man leicht Naivität, zu große Nähe zu seinem Studienobjekt oder einfach Weltfremdheit vorwerfen könnte. Ein ehemaliger amerikanischer Sicherheitsberater, der einen Krieg von den Ausmaßen wie in Afghanistan zu entfachen wusste und Gotteskrieger mit modernsten Waffen ausrüstete, kann aber schwerlich naiv oder weltfremd sein. Zynisch ja, aber nicht naiv.

Ohne Kenntnis der Ursachen ist keine Konfliktlösung möglich. Gefordert ist daher ein intensiver Dialog mit der islamischen Welt, vor allem mit den Vertretern der Zivilgesellschaft, die oftmals unter Lebensgefahr Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihrer Heimat einfordern. Was in der Regel kaum jemand im Westen wahrnimmt, weil dieser Kampf ohne Fernsehbilder ausgetragen wird und den gängigen Klischees nicht entspricht. Lieber zeigen die Medien jubelnde Palästinenser nach den Anschlägen in Amerika und dies, obwohl nur ein gutes Dutzend Menschen zu sehen waren, überwiegend Kinder. Gleichzeitig gab es in zahlreichen palästinensischen Schulen Schweigeminuten für die Opfer des Terrors. Davon war allerdings kaum etwas zu erfahren.

Der Terrorangriff auf New York und Washington am 11. September 2001 schockierte die arabische und islamische Welt genauso wie andere Kulturkreise. Nicht nur einfache Gläubige und Vertreter des Staatsislam, sondern auch führende Vertreter des islamistischen Mainstreams, darunter auch solche, die in der Auseinandersetzung mit Israel keineswegs für Gewaltlosigkeit plädieren, machten eindeutig klar, dass ein solcher Akt mit den Lehren und Werten des Islam unvereinbar sein: Diese "Morde, Zerstörungen und Angriffe", heißt es in einer Erklärung prominenter islamistischer Führer vom 14. September 2001, "widersprechen allen menschlichen und islamischen Werten".13)

Die Art und Weise, wie der Westen mit der arabisch-islamischen Welt umgegangen ist, wird dort als eine endlose Serie von Demütigungen und Niederlagen empfunden. Angefangen mit der Invasion Napoleons in Ägypten 1798, dem Beginn der Neuzeit im Orient. Weiter mit der Kolonialisierung Nordafrikas, der Niederschlagung der ägyptischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert. Dann die Errichtung britischer und französischer Protektorate im nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg, obwohl den Arabern als Belohnung für ihren Kampf gegen das osmanische Reich die Unabhängigkeit versprochen worden war. Schließlich die Gründung Israels im Jahr 1948, die auf arabischer Seite als eine Fortführung des Kolonialismus mit anderen Mitteln gesehen wurde. Die israelische Besatzungspolitik nach 1967, der zweite Golfkrieg 1990/91, diese und andere nahöstliche Umbrüche erwecken seit Jahrzehnten den Eindruck, der Westen mit seiner kulturell-zivilisatorischen Hegemonie, seiner militärisch-technischen Überlegenheit, seinem aggressiven Expansionsdrang und den soziokulturellen Herausforderungen und insbesondere die USA (Großer Satan) mit dem "american way of life seien Feinde aller Araber und Muslime.

Hat diese Politik das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung anderer Kulturen – vor allem die des Islam –so tief verletzt und gedemütigt, dass nun die Ereignisse in ihrer Gewalttätigkeit auch unter dem Aspekt kultureller Selbstverteidigung gesehen werden müssen? Hat also der 11. September die Alternative geprägt: Zwang zur Verwestlichung oder antiwestlicher Zwang zum gewaltsamen Aufbegehren? Anders formuliert: Sind die Amerikaner also selber schuld, dass sie Opfer eines mörderischen Angriffs wurden?

Die Anhänger des Kulturkampfes werden diese Fragen stellen, selbstgerecht und zugespitzt: Bist Du für uns oder gegen uns? Diese Dichotomie von Gut und Böse, von Terrorist oder Anti-Terrorist ist seit den Terroranschlägen in den USA deutlicher denn je zutage getreten. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sieht die entscheidende Trennlinie allerdings innerhalb der westlichen und islamischen Welt: Sowohl das westliche als auch das islamische Denken könnten in einem friedliebenden Sinne verstanden und gelebt werden. George W. Bush und Osama bin Ladin verkörpern hingegen die kriegerische Ausdeutung des jeweiligen Denkens und stellen damit beide in gleicher Weise eine Gefahr für den Weltfrieden dar. Die Grundlage dieser Gemeinsamkeit bildet nach Roy das manichäische Weltbild von Bush und Bin Ladin, das sich in besonderer Weise in ihrem gemeinsamen Grundsatz "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich" zeigt. Mit anderen Worten: Osama bin Ladin ist der "brutale Zwilling" des amerikanischen Präsidenten George W. Bush – beide sind in politische Verbrechen verstrickt, berufen sich auf Gott und greifen auf die Erlösungsrhetorik von Gut und Böse zurück.14)

 

Zusammenprall der Zivilisationen?

1989/1990. Dreh- und Angelpunkt oder Endpunkt der Geschichte. Die Welt schien so einfach geworden zu sein: Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sollte die globale Marktwirtschaft Wohlstand und Demokratie bis in die letzten Winkel der Erde bringen. Über die neue kommende Welt(un)ordnung gab es viele Hypothesen. Während der damalige US-Präsident Bush im Vorfeld des 2. Golfkrieges (September 1990) von der "Neuen Weltordnung" sprach, sah der US-Politologe Francis Fukuyama bereits "Das Ende der Geschichte"15) in einer Welt, in der alle Völker in Frieden, Demokratie und Marktwirtschaft glücklich ohne Konflikte zusammenleben. Weshalb die Welt aber auf absehbare Zeit in Unordnung bleibt, erklärte bald nach dem Golfkrieg der britische Diplomat Robert Cooper, vormals Leiter des Planungsstabes im Londoner Außenministerium.16)

Cooper teilt den Globus in drei Zeitzonen ein: die vormoderne, die moderne und die postmoderne Welt. In der vormodernen Welt existiert Staatlichkeit nur bruchstückhaft. Chaos herrscht dort. Es fehlt eine Instanz, die das Monopol der "legitimen Gewaltsamkeit" (Max Weber) an sich ziehen kann. Einander befehdende Gefolgschaften, Clans und Stämme terrorisieren die Bevölkerung mit Willkür, Raub und Mord. Die Menschen leben von der Hand in den Mund. Länder wie Somalia, Liberia oder Afghanistan und Teile der ehemaligen Sowjetunion gehören zu dieser Zeitzone.

Die meisten Länder sind Teil der modernen Welt. Hier hat der Staat das Gewaltmonopol inne. In seinem Inneren herrscht Ordnung. Im Verhältnis zu anderen Staaten beansprucht er volle Souveränität. Machgleichgewicht und Hegemonie garantieren die Haltbarkeit des internationalen Status quo. Wenn allerdings diese Sicherungen versagen, kommt es leicht zum Krieg. Gefahr droht vor allem dort, wo ein Land den Status quo zu seinen Gunsten verändern will – man denke nur an die Ambitionen Indiens oder Chinas oder an den iranisch-irakischen Antagonismus. Daseinzweck der Vereinten Nationen ist es, die latenten Anarchie des Systems souveräner Staaten völkerrechtlich zu bändigen.

Für die Zugehörigkeit eines Landes zur modernen Welt ist nicht entscheidend, ob es im Inneren eine freiheitlich-demokratische Ordnung hat. Dieses Kriterium gilt indes für die post-modern Welt. Zu ihr gehören die Mitgliedstaaten der EU, die USA und Kanada sowie Japan, Australien und Neuseeland. Die wichtigsten Quellen des Wohlstands postmoderner Länder sind nicht mehr so sehr die Rohstoffe (außer Erdöl) und Industrieproduktion, sondern Wissen und Kommunikation.

Innerhalb dieser Zeitzonen ist Krieg zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich oder Japan und den USA so gut wie ausgeschlossen. Erhebliche Sicherheitsprobleme entstehen aber an den Schnittstellen, zu moderner und vormoderner Welt. Postmoderne Gesellschaften haben dabei ein moralisches Handicap im Verhältnis zu Gewalt – sie finden es unerträglich, eigene Menschenleben zu riskieren. Dahinter steckt das Dogma des liberalen Individualismus, das Karl Popper, einer der bedeutendsten Theoretiker der offenen Gesellschaft, so formulierte: "Jedermann hat das Recht, sich für eine Sache, die er für gut hält, zu opfern. Niemand hat das Recht, andere für ein Ideal zu opfern oder sie dazu anzuregen, sich zu opfern".17)

Die waffentechnische Inkarnation dieser Auffassung ist Cruise-Missile, ein unbemannter Flugkörper, der seinen Weg zum Ziel mithilfe modernster Elektronik findet. Ihm entspricht auf geheimdienstlicher Ebene das Abhörsystem "Echelon" – hier ersetzt die Antenne das Ohr des Spions. Das Gegenstück zum Cruis-Missile ist der Selbstmordattentäter, der seine eigenen Körper als lebende Bombe ins Ziel lenkt; das Gegenstück zu Echelon der strategische Agent, der sich in die Höhle des Löwen begibt und dort auf den Einsatzbefehl wartet.

Wie es aussieht, wenn postmoderne Waffensystem auf die Gewaltformen älterer Zeitzonen treffen, hat Hans Magnus Enzensberger trefflich beschrieben:

"Zwischen dem Krieg der Serben im Kosovo und dem Krieg der Nato im Luftraum über den Balkan besteht eine Zeitdifferenz von vierhundert Jahren. Wer sich von den Plünderungen, Brandschatzungen, Masakern und Gräueldaten der serbischen Soldateska ein Bild machen will, sollte sich nicht auf CNN verlassen, sondern Grimmelshausen lesen".18)

Coopers Theorie wurde zwar nicht so berühmt wie jene von Samuel P. Huntington; dafür jedoch erlaubt sie weitaus genauere Analysen. Gestritten wurde aber damals eigentlich nur darüber, ob der globale Markt sich selbst reguliert oder ob er von globalen demokratischen Institutionen gezähmt werden muss – unbestritten bleibt aber, dass als Grundlage der Globalisierung ausschließlich das individualistische Werteverständnis in Frage kommt. Diese Grundlage schien so selbstverständlich zu sein, dass sie auch durch Samuel P. Huntingtons Warnung vor einem drohenden "Kampf der Kulturen" nicht ernsthaft erschüttert werden konnte. Aber der bei weitem nicht konfliktfreie Verlauf der letzten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts, der schließlich in den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 gipfelt, scheint doch dem Harvard-Politologen Samuel P. Huntington recht zu geben.

Samuel P. Huntington, Jahrgang 1927, ist Professor für Politikwissenschaften und Leiter des John M.-Olin-Institutes für Strategische Studien an der Universität Harvard. Darüber hinaus arbeitet der Mitbegründer der Zeitschrift "Foreign Affairs" als Berater des US-Außenministeriums und veröffentlichte eine Vielzahl von wissenschaftlichen Büchern aus unterschiedlichen Bereichen der Politikwissenschaft. Erst das 1996 veröffentlichte Buch "Kampf der Kulturen" machte Huntington einem großen Publikum bekannt. Dabei gilt er schon seit den fünfziger Jahren als einer der bedeutendsten Vordenker in der Politikwissenschaft. Zu seinen wichtigsten Forschungsgebieten zählten stets Fragen der internationalen Sicherheitspolitik im Atomzeitalter sowie die Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Strukturen und dem außenpolitischen Verhalten von Staaten. Huntington machte eine Bilderbuchkarriere: 1950, mit 23 Jahren, Dozent an der Harvard University, 1962 Professor für Internationale Beziehungen am "Center for International Affairs", seit 1983 schließlich Direktor des renommierten John M.-Olin Institute for Strategic Studies in Harvard.

Huntington ist aber weder der einzige zeitgenössische Autor, der in den Konflikt der Kulturen die Herausforderung der Zukunft sieht noch der Erste. Bereits Anfang des letzten Jahrhunderts (1923) veröffentlichte der Geograph Alfred Hettner sein Werk "Gang der Kultur über die Erde".19) In den dreißiger Jahren (1938) betonte Heinrich Schmitthenner mit seiner Studie "Lebensräume im Kampf der Kulturen" die zukünftige Bedeutung der Kulturen.20) Auch während des Kalten Krieges gerät diese Theorie nicht in Vergessenheit. Interessant aus geographischer Sicht ist, dass die von Huntington identifizierten "Zivilisationen" eine fast deckungsgleiche Entsprechung in der von dem deutschen Geographen Kolb bereits 1961 formulierten "Geographie der Kulturerdteile" finden.21)

Auch der französische Kulturphilosoph Raymond Aron prognostizierte im Jahr 1962 in seinem Buch "Frieden und Krieg", dass die bipolare Aufteilung der Welt nicht von Dauer sein könne, da die Welt tatsächlich in Zivilisationen aufgeteilt ist und die Bedeutung der Kultur für die internationale Politik immer wichtiger werde.22) Und der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux sagte in seinem Spätwerk bereits in den siebziger Jahren voraus, das das 21. Jahrhundert ein religiöses Jahrhundert sein werde, in dem die Kulturen immer wichtiger werden.23)

Seit den 90er Jahren wird nun von Bedrohungen gesprochen, die bewusst oder unbewusst mit dem Islam in Verbindung gebracht werden.24) Der frühere Oberbefehlshaber der NATO, John Galvin, wies bereits 1991 vor der Carnegie-Friedensstiftung auf die seiner Meinung nach aus dem Süden drohende Gefahr hin: "In dem jetzt zu Ende gehenden Jahrtausend war die längste Konfrontation zwischen dem Westen und dem Islam. Sie zog sich mehr als eintausend Jahre hin, über die Kreuzzüge des Mittelalters bis hinein in die Neuzeit". Er sagte weiter, dass nach dem vom Westen gewonnen Kalten Krieg nun die eigentliche Konfliktachse – die große Auseinandersetzung mit dem Islam zurückkehrt25).

Der verstorbene Generalsekretär der NATO, Manfred Wörner, schrieb Anfang 1991 über den "Spannungsbogen vom Maghreb bis zum Nahen Osten. Die ohnehin dort herrschenden Spannungen werden nicht nur durch die Existenz absolutistischer und ehrgeiziger Herrscher wie Saddam Hussein, sondern auch durch das erneute Auftauchen tiefverwurzelter Entwicklungsprobleme verschärft, die zu einem noch größeren Bevölkerungswachstum, Ressourcenkonflikten, religiösem Fundamentalismus und zu Terrorismus führen".26)

Während Manfred Wörner den religiösen Fundamentalismus mit tiefverwurzelten Entwicklungsproblemen in der islamischen Welt in Verbindung brachte, warnte sein Nachfolger im Amt, der Belgier Wilhelm Claes, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 2. Februar 1995 bereits vor dem Islamischen Fundamentalismus, der die abendländische Kultur gefährde, mit Demokratie unvereinbar und für den Westen mindestens genau so gefährlich sei, wie es der Kommunismus gewesen wäre.

 

Huntingtons Überlegungen

Zurück zu Huntington. Im Rahmen eines am John-M.-Olin-Instituts für Strategische Studien an der Harvard Universität stattfindenden Projekts mit dem Titel "Die veränderte Sicherheitsumwelt und die nationalen Interessen Amerikas" entstand – basierend auf Ideen aus dem Oktober 1992 – jenes "Paper", das in Auszügen in der New York Times vom 6. Juni 1993 abgedruckt wurde und schließlich als Artikel unter der Überschrift "The Clash of Civilizations?" in der Sommerausgabe von Foreing Affairs erschien27). In deutscher Übersetzung wurde der Text in gekürzter Fassung erstmals in der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 13. August 1993 veröffentlicht.

Huntington brachte mit seinem Artikel "Clash of Civilisations?" einen Stein ins Rollen. Obwohl mit einem Fragezeichen versehen, löste dieser Aufsatz eine bis dahin kaum vorstellbare politikwissenschaftliche – wenn nicht gar gesamtgesellschaftliche – Debatte aus. Auf Grund der starken Resonanz, die sein Aufsatz erzielte, veröffentlichte Huntington 1996 das Buch "Clash of Civilisations and the Remaking of World Order" – nun allerdings ohne Fragezeichen. Horst Fliesbach, der Übersetzer dieses Buches, weist in seiner Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe ausdrücklich darauf hin, dass "civilisations" jeweils mit "Kultur", "Kulturkreis" oder "Hochkultur" wiedergegeben und für "culture" der Begriff "Zivilisation" verwendet werde. Der deutsche Sprachgebrauch für "Kultur" und "Zivilisation" entspricht nicht dem Englischen und Französischen.28)

Hier gibt es bereits eine erste zentrale Schwierigkeit: Huntington möchte zwischen Zivilisation und Kultur unterscheiden. Zivilisation begreift er als dasjenige, was stabil sei, was sich nie ändere: die grundlegenden Bücher, die grundlegenden Ideen einer islamischen oder westlichen Zivilisation und so weiter. Kultur hingegen sieht er individueller, dynamischer, als etwas, das sich ändere. Kulturen sind für ihn aus dem Grund dynamisch, weil sie sich aus der unveränderlichen Zivilisation ableiten. Ein solches Modell aber ist Unsinn. Diese Definitionen von Kultur oder Zivilisation sind abstrakt und schaffen Unklarheiten. Letztendlich dienen sie Huntington nur dazu, die Theorie des Kalten Krieges als Konflikttheorie in einer Welt ohne Kalten Krieg wieder aufzufrischen. In Wirklichkeit erleben wir keinen "Kampf der Kulturen", sondern einen "Kampf um Definitionen" innerhalb von Kulturen und Gesellschaften.29)

Nehmen wir als Beispiel die islamische Welt. Was dort immer wieder die heftigsten Kontroversen auslöst, ist nämlich nicht die Frage, ob der Islam gegen den Westen ist oder gegen Indien, China oder Japan, sondern die Frage: "Was ist der Islam überhaupt" und was bedeutet es in der heutigen Zeit, ein Muslim zu sein? Diskussionen finden überall in der islamischen Welt statt: in Marokko, Ägypten, Saudi-Arabien, Iran, Malaysia, Indonesien oder Pakistan. Besitzen Muslime eine eigen Art zu denken oder etwa eine besondere Ansicht von ökonomischer Entwicklung? Bedeutet Muslim zu sein, großmütige Gesten zu zeigen, oder mehr Rechte für Frauen, oder weniger, oder ist es das Tragen eines Tschadors? All diese Fragen werden innerhalb der Gesellschaften diskutiert. Huntington dagegen hängt der irreführenden Idee an, dass jeder Muslim genau wisse, was der Islam sei und deshalb den Westen angreife und umgekehrt.

Huntingtons Buch ist nach seiner Aussage das Ergebnis des Versuches, "auf die Frage des Artikels eine umfassendere, tiefere und gründlicher dokumentierte Antwort zu geben."30) Er hat die im Artikel angesprochenen Themen entfaltet, vertieft und teilweise ergänzt, aber auch viele Problemkreise neu aufgenommen. Das Buch ist kein sozialwissenschaftliches oder religionsphilosophisches Werk. Es versteht sich vielmehr als eine Interpretation der Entwicklung der globalen Politik nach dem Kalten Krieg. Es will ein Gerüst, ein Paradigma für die Betrachtung globaler Politik liefern, das für Wissenschaftler gehaltvoll und für die Macher der Politik nützlich ist.

 

Die Thesen Huntingtons im "Kampf der Kulturen"

Huntington ist in seinem Buch "Clash of Civilisations" auf der Suche nach einem Bild der Weltpolitik, einem Modell, einem Paradigma nach dem Ende des Kalten Krieges. Er ist sich im klaren darüber, dass dieses Paradigma stark vereinfacht ist und viele Dinge verzerrt oder im Dunkeln lässt. Doch will er damit allgemeine Aussagen über die Weltpolitik treffen und somit zeigen, welche Wege eingeschlagen werden müssen.31)

Grundaussage dieses neugeschaffenen Paradigmas ist, dass die "Unterscheidungen zwischen den Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer Art (sind). Sie sind kultureller Art."32)

Seine zentrale These lautet:

"Die großen Trennungslinien der Menschheit und die vorherrschende Quelle von Konflikt werden kultureller Art sein. Nationalstaaten werden weltpolitisch die mächtigsten Akteure bleiben, aber die Hauptkonflikte der Weltpolitik werden zwischen Nationen und Gruppen verschiedener Zivilisationen entstehen. Der Zusammenprall der Zivilisationen wird die Weltpolitik dominieren. Die Bruchstellen zwischen Zivilisationen werden die Frontlinien der Zukunft sein".33)

Für Huntington gehen die Grenzen innerhalb der neuen Welt also nicht entlang von Staaten oder Bündnissen, sondern von Kulturkreisen. Wichtigstes Identifikationsmerkmal der Menschen mit einem Kulturkreis ist neben Herkunft, Sprache, Geschichte, Werten, Sitten, Gebräuchen und Institutionen vor allem die Religion. Letztlich definieren sich seiner Ansicht nach die Menschen über ihren Glauben, die wichtigste Identifikationsquelle der Menschen und stärkste Motivationskraft für Konflikte. Nach Huntington ist "Religion kein ‚kleiner Unterschied’(...), sondern vielmehr der wahrscheinlich tiefgreifendste Unterschied, den es zwischen Menschen geben kann."34)

In diesem Lichte benennt er in seinem Buch zunächst sieben Kulturkreise, führt später noch einen achten ein. Diese Kulturkreise sind aber keine politischen Einheiten. Politisches Handeln innerhalb eines Kulturkreises übernehmen die sogenannten Kernstaaten, die als Pole der Anziehung und Abstoßung die Supermächte des Kalten Krieges ablösen.35)

So unterscheidet er:

  • die sinische36) Kultur Chinas und seiner ost- und südostasiatischen Peripherie mit dem Kernstaat China,
  • die japanische Kultur, die nur aus einem einzigem Staat, Japan, besteht, der zugleich auch Kernstaat ist,
  • die hinduistische Kultur geht über den Kernstaat Indien hinaus,
  • die islamische Kultur, die Huntington in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel und in Teilen Zentral- und Südostasiens sowie des indischen Subkontinents lokalisiert. (Dieser Kulturkreis bleibt ohne zentrale Macht. Als mögliche Führungskräfte werden Indonesien, Ägypten, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien und die Türkei genannt).
  • die westlich-christliche Kultur Europas mit den Kernstaaten Frankreich-Deutschland, Nordamerikas mit dem Kernstaat USA und Ozeaniens,
  • die lateinamerikanische Kultur, wobei er sich nicht ganz sicher ist, ob Lateinamerika einen eigenen Kulturkreis bildet oder bereits einen Teil des Westens darstellt. Auch ihm fehlt ein echter Kernstaat.
  • eventuell die afrikanische Kultur. Huntington lässt die Frage offen, ob es sich hierbei um einen eigenständigen Kulturkreis handelt. Mögliche Kernstaaten könnten Nigeria oder Südafrika werden.
  • die slawisch-orthodoxe Kultur, die er in der ersten Aufzählung noch nicht nennt mit dem Kernstaat Russland.

Die künftige Weltpolitik wird im wesentlichen geprägt sein von zwei Entwicklungen, nämlich der schwindenden Macht des Westens und dem (Wieder-)Erstarken anderer Kulturkreise, vor allem des Islam und Asiens. Der westliche Kulturkreis war der dominierende in der Vergangenheit und wird es auch im 21. Jahrhundert bleiben. Die westliche Kultur hat sich durch den technischen Fortschritt, ihre wirtschaftliche Entwicklung und durch die Überlegenheit ihrer Staaten und ihrer militärischen Mittel weltweit eine Vorrangstellung erkämpft. Allerdings geht Huntington von einem Machtverfall des Westens aus, der zwar langsam und nicht geradlinig sein wird, aber auch nicht aufzuhalten ist. Die anderen holen auf und werden den Westen bald überholen. Asien wird Europa übertrumpfen, China im 21. Jahrhundert zur größten Wirtschaftsmacht der Welt werden. Huntington versucht, dies mit Fakten aus den Bereichen Population und Territorium, Wirtschaftsproduktion und militärisches Potential zu belegen. Das Kernproblem des "kulturellen Selbstmords"37) sieht er aber in dem moralischen Verfall innerhalb der westlichen Gesellschaft. Dies zeigt sich seiner Ansicht nach u. a. in der Zunahme asozialen Verhaltens, in dem Verfall der Familie, in dem Rückgang des Sozialkapitals, in dem generellen Nachlassen der Arbeitsethik und in dem abnehmenden Interesse für Bildung und geistiger Betätigung.

Während der imperialen Überlegenheit des Westens hat sich in der übrigen Welt Ressentiment aufgestaut. Es kommt jetzt bereits in Gestalt von Fundamentalismus und heftiger Kritik an der westlichen Werteordnung zum Ausdruck. Die Gegenoffensive gegen die westliche Kultur wird zunehmen, je mehr sich das Kräfteverhältnis zugunsten der anderen verschiebt. Der anti-westliche Impuls wird beträchtlich gestärkt durch die demographische Entwicklung. Überall wächst die Bevölkerung stärker als bei uns im Westen. In Afrika und in der islamischen Welt werden Bevölkerungszuwachsraten von 3 % und mehr erreicht. Dort ist die Mehrheit der Menschen unter 20 Jahr alt. Die Entwicklungsdefizite bieten diesen entwurzelten Jugendlichen keine Perspektive, sie sind frustriert und auf der Suche nach jemanden, an dem sie ihre Frustration austoben können. Die Propagierung anti-westlicher kultureller Identität hilft ihnen, ihren Platz im Leben zu finden. Die junge Generation ist eher kampf- und gewaltbereit als gesetzte Familienväter und -mütter, sie bietet ein ideales Rekrutierungsfeld für die Kulturfundamentalisten. Es besteht daher ein hohes Mobilisierungspotential für eine anti-westliche Politik.

Zwei Behauptungen in Bezug auf den Westen werden von Huntington widerlegt: Nämlich erstens, dass Modernisierung gleichzusetzen ist mit Verwestlichung; ganz im Gegenteil, Modernisierung ruft bei nicht-westlichen Staaten vermehrt die Betonung eigener kultureller Werte hervor, was sich besonders in der Resurgenz der Religionen in der Welt wiederspiegelt.

Zweitens hält Huntington den Glauben an die Universalität des Westens für falsch, unmoralisch und gefährlich: gefährlich, weil irrig; unmoralisch, weil nur mit Zwangsmitteln durchzusetzen; gefährlich, weil er in einen großen Krieg mit den mächtigen Staaten anderer Kulturen und am Ende in die Niederlage des Westens münden könnte. Für ihn ist die westliche Kultur nicht wertvoll, weil sie universell ist, sondern weil sie einzigartig ist.

Man sollte allerdings nicht vergessen, dass "die westliche Zivilisation" – womit Huntington vermutlich die besondere protestantisch-deistisch-katholisch-jüdische Mischung meint, die den Mutterboden des heutigen öffentlichen Lebens in den Vereinigten Staaten bildet – gleichfalls politische Religionen hervorgebracht hat, die nicht weniger intolerant und blutrünstig waren als der islamische Terrorismus von heute. Es mag nicht besonders taktvoll sein, dies gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt auszusprechen, doch die amerikanischen Gründerväter waren selbst das Produkt eines militanten Puritanismus, der in England in den Jahren nach 1640 einen brutalen Revolutionskrieg führte. Vor dem 11. September beklagten Kritiker des Talibanregimes dessen Frauenfeindlichkeit, Ikonoklasmus und blutiges Strafrecht in Form der Scharia. Doch das Westeuropa des 17. Jahrhunderts – die Wiege der von Huntington gepriesenen westlichen Zivilisation – war eine Brutstätte von Hexenverbrennungen und Altarschändungen und der öffentlichen Ausweidung von Menschen.

Zu den größten Herausforderern des Westens werden nach Huntington der islamische und der sinischen Kulturkreis avancieren. Der Islam wird durch das Bevölkerungswachstum und dem Wiedererstarken eigener Werte und Institutionen, vor allem der Religion zur Gefahr für den Westen. Huntington spricht dabei von der "Islamischen Resurgenz"38) (gemeint ist die Renaissance des Islam als politische Kraft), wobei er die Bedrohung nicht etwa in dem islamistischen Fundamentalismus, sondern in dem Islam an sich sieht. Er geht von einem erneuten Konflikt zwischen "dem Islam" und "dem Westen" aus, dessen Ursachen in grundlegenden Fragen der Macht und der Kultur zu suchen sind. Seiner Auffassung nach sind Islam und Demokratie unvereinbar, weil Muslime eine Trennung von Religion und Politik nicht akzeptieren könnten. Außerdem seien Muslime nicht in der Lage, anderen Religionen Toleranz entgegen zubringen; die Grundlagen des islamischen Glaubens verlangten von seinen Angehörigen, Andersgläubige notfalls mit Gewalt unter die Herrschaft des Islam zu zwingen. Er beschreibt eine Rivalität zwischen muslimischen und christlich-abendländischen Gesellschaften, die auch auf einer offensiveren Vertretung ihrer Werte und Kultur durch muslimische Gesellschaften beruht. Er führt weiter aus, dass das neue Selbstbewusstsein "des Islam" die Zurückweisung des amerikanischen und europäischen Einflusses auf lokale Gesellschaft, Politik und Moral sei.

Während es beim Islam demographische Entwicklungen sind, die das Machtgleichgewicht innerhalb der Kulturkreise verschieben werden, ist es in China die ökonomische Dynamik, die Huntington als "Asiatische Affirmation" bezeichnet, in Verbindung mit der Betonung der eigenen konfuzianischen Werte.

Wie aber gestaltet sich die neue Weltordnung nach Huntington? Die Beziehungen zwischen den Kulturkreisen werden nicht kooperativ, sondern häufig sogar feindselig sein. In der Tat scheint es immer dann zwischen Kulturkreisen zu Misstimungen zu kommen, wenn sich eine Kultur als superior empfindet und sich praktisch durch bestehende politische und wirtschaftliche Macht auch so verhält. Hierfür lassen sich aus der langen Geschichte der monotheistischen Religionen "Christentum", "Judentum" und "Islam" jeweils zahlreiche Beispiel finden.39)

Beim Zusammenprall der Kulturen unterscheidet Huntington vor allem zwei Ebenen von Konflikten. Zum einen nennt er auf der Mikroebene den Bruchlinienkonflikt, bei dem Gruppen jeglicher Art aus verschiedenen Kulturkreisen aneinandergeraten. Diese Kriege haben meist einen ethnischen oder religiösen Hintergrund und sind deshalb besonders grausam, langwierig und kaum zu beenden. Als Beispiel dieser Art von Konflikt nennt Huntington vor allem "die blutigen Grenzen des Islam". Eskaliert ein solcher Bruchlinienkonflikt indem sich die Kernstaaten mit einschalten, kommt es auf der Makroebene zu sogenannten Kernstaatenkonflikten. Ein weiterer Grund für diese Art von Konflikten wird die Verschiebung des globalen Machtgleichgewichts sein. Allgemein werden Kernstaatenkonflikte eher die Ausnahme und sehr selten direkt gewalttätig sein.

Die Hauptkonflikte ergeben sich nach Huntingtons Ansicht aus dem Zusammenstoß von "westlicher Arroganz, islamischer Unduldsamkeit und sinischem Auftrumpfen"40) , wobei er sogar eine islamisch-konfuzianische Allianz gegen den Westen weissagt. Seine Weltordnung ist am Ende geprägt von einer bipolaren Achse "Westen gegen den Rest".

Huntington sieht in einem weltweiten Krieg der Zivilisationen gegeneinander keinen Idealzustand, sondern eher ein Horrorszenario. Dieses scheint ihm realistisch, wohl aber auch vermeidbar. Um es zu verhindern, schlägt er die Einhaltung von drei Prinzipien vor, die seiner Meinung nach für die Förderung des Weltfriedens von großer Bedeutung sind.41)

- Prinzip der Enthaltung:

Tritt ein Konflikt zwischen Staaten eines Kulturkreises auf, sollen sich die Kernstaaten anderer Kulturkreise in diesen nicht einmischen. Eine militärische Intervention von außen würde nur zu Hass und Missgunst innerhalb eines Kulturkreises führen, der sich in einem solchen Fall bevormundet fühlt.

- Prinzip der gemeinsamen Vermittlung:

Die Kernstaaten sollen durch gemeinsame Verhandlungen Bruchlinienkonflikte zwischen Staaten und Gruppen innerhalb ihrer jeweiligen Kultur eindämmen oder beenden.

- Prinzip der Gemeinsamkeiten:

"Menschen in allen Kulturen sollen nach Werten, Institutionen und Praktiken suchen und jene auszuweiten trachten, die sie mit Menschen anderer Kulturen gemeinsam haben."42)

Die Verschiedenartigkeit der Kulturen ist für Huntington ein Faktum. Dennoch existieren bei genauerer Betrachtung auch viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Diese gilt es aufzuspüren, um so zu größerem gegenseitigen Verständnis zu gelangen.

 

Kritik an Huntingtons Theorie

Diese Thesen – teilweise gewagt und provokativ - sind verständlicherweise weltweit auf deutliche Kritik gestoßen. Skizzenhaft werden nun einige Punkte aus dem Werk Huntingtons herausgegriffen, die man kritisieren kann und muss.

1. Huntingtons Kulturbegriff

Das Problematische an Huntingtons Überlegungen ist die behauptete Dominanz der zivilisatorischen Dimension, bezogen sowohl auf die Konfliktquelle als auch auf die Konfliktlinien und -fronten entlang der zivilisatorischen Bruchstelle. Niemand wird bestreiten, dass zivilisatorische Differenzen ein Element der Konfliktentstehung und -austragung sind und insbesondere die Verbindung mit religiösen Gegensätzen ihre Eskalation bis hin zur Gewaltanwendung fördert. Das ist bei vielen aktuellen Konflikten mit religiösem Hintergrund zu beobachten. Fraglich indessen ist, ob inter-zivilisatorische Differenzen und entsprechende Konflikte, wie Huntington meint, künftig in der Weltpolitik und ihren Konfliktstrukturen dominant sein werden; fraglich ist auch die Prognose, das der nächste Weltkrieg, wenn er denn stattfinden sollte, ein "Krieg zwischen Zivilisationen" sein wird.

Gegen die Widerlegung seiner These hat sich Huntington von vornherein zu immunisieren versucht, indem er einräumt, dass Konflikte auch zwischen Staaten und Gruppen ein- und derselben Zivilisation bzw. Kultur auftreten; aber in solchen Fällen sei, so meint er, Gewalt weniger wahrscheinlich oder werde doch weniger intensiv angewandt – was freilich fragwürdig ist (wie z.B. der intra-zivilisatorische amerikanische Bürgerkrieg, oder die Kriege auf dem Balkan zeigen).

Huntingtons Kulturbegriff ist sehr einseitig dargestellt und entspricht bei weitem nicht der Realität. So sind seiner Ansicht nach Kulturkreise homogene Einheiten, die in sich geschlossen und weitgehend unveränderbar sind. Dies zeigt sich vor allem daran, dass Staaten ihre kulturelle Zugehörigkeit nicht aufgeben können und fest an diese kulturellen Kreise gebunden sind. Für Dieter Senghaas, den führenden Konflikt- und Friedensforscher in Deutschland, ist dies ein wesentliches Manko der Huntingtonschen Argumentation. Er unterstellt auf der Makroebene Kulturbereiche als Wesenheiten und, bei allem Sinn für Geschichte und Konflikte, argumentiert er im Kern kulturessentialistisch.43)

Letztlich sind bei Huntington die Kulturen über Jahrhundert nicht wandlungsfähig und veränderbar; sie bleiben untergründig konstant, und überdies verarbeiten sie Außeneinflüsse so, dass immer Kontinuität obsiegt. Huntington ist in seiner Auffassung offensichtlich von den Vorstellungen Oswald Spenglers (1880 bis 1936)44) und insbesondere Arnold J. Toynbees (1889 bis 1975)45) beeinflusst worden.

Man kann Kultur mit dem Kulturanthropologen Clifford Geertz46) definieren als ein symbolisches Handeln in sozial festgelegten Bedeutungsstrukturen. Symbole sind dabei komplexe Systeme von Zeichen, die eine Bedeutung haben, wie etwa die Sprache, religiöse Rituale, Verhaltensregeln oder das Rechtswesen. Mit ihrer Hilfe können sich Menschen ausdrücken, das Verhalten ihrer Mitmenschen interpretieren und sie verstehen. Auf diese Weise können sie auch Probleme ihres Zusammenlebens lösen. Die vom Menschen selbst geschaffene Kultur ist sein sekundärer Lebensraum, der in gewisser Weise einen Ersatz für die Begrenztheit menschlicher Instinkte darstellt. Jede Kultur dient darum der langfristigen kollektiven Anpassung an die Umwelt.

Kultur ist also nicht eine unsichtbare und geheimnisvolle Realität in den Köpfen der Menschen, es gibt auch keine kulturelle (deutsche oder sonstige) Seele, in die man sich mühsam einfühlen muss, sondern Kultur ist immer ein öffentliches Ereignis. Sie umfasst sowohl immaterielle Elemente wie religiöse Überzeugungen, Werte oder Einstellungen, als auch technisch-materielle Elemente, wie Kunst, Handwerk oder Werkzeuge. Sie ist sichtbar und beobachtbar in den Verhaltensweisen der Menschen, in den sozialen Strukturen und in einer kaum überschaubaren Vielzahl von Institutionen, die das menschliche Zusammenleben regeln und zugleich entlasten.

Die Kultur ist für Menschen und ihre Gesellschaften von eminenter Bedeutung. Sie gibt dem Einzelnen Orientierung und Identität, verortet ihn verlässlich in seiner Umgebung. Als Katalog von Sinn und Sinnverknüpfung macht sie gesellschaftlichen Zusammenhalt überhaut erst möglich, erlaubt es, dass die Handlungen der Gesellschaftsmitglieder sinnvoll in einander greifen. Dabei wäre es ein Fehler, Kultur in der rein geistigen Sphäre von den materiellen Lebensbedingungen abheben zu wollen. Nur durch die Kultur erhalten diese Lebensbedingungen für die Menschen Sinn, Kultur wird ihrerseits durch Änderungen in den Lebensbedingungen – etwa in der Technik – massiv beeinflusst.

Kultur hat eine Tiefendimension. Sie ist erprobte Lebensweisheit, Kern- und Hintergrundüberzeugung und gewonnene Erfahrung der Völker, also etwas, was man nicht anlegen oder abwerfen kann wie einen Mantel. Kultur ist berechenbarer und verlässlicher als Interessen, die sich über Nacht ändern können. Dass in ganz anderen Tiefenschichten als denen der Nützlichkeit oder der Schadensabwehr anzusetzen ist, deutet Antoine de Saint-Exupéry mit dem Rat an: "Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz oder Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer in sich tragen". Er will damit nicht sagen, dass es auch ohne Handwerker ginge, doch wenn diese visionslos arbeiten, dann ist die Resignationsschwelle zu niedrig und dann geben sie auf, wenn Tabus zu berühren, Interessen neu zu definieren, Lernblockaden zu beseitigen oder finanzielle Hindernisse zu überwinden sind. Eine verordnete Nachhaltigkeit führt allenfalls zu einem Handeln ohne Einsicht. Deshalb geht es darum, positiv besetzte Leitziele zu entwickeln, die sich an der Sehnsucht nach der Weite des Meeres messen lassen. Die Kulturen sind, wenn Aufgaben zu erledigen und Probleme zu lösen sind, keine Subjekte des Handelns. Deshalb werden die Religionen diese Subjektrolle teilweise, auch ersatzweise, übernehmen müssen.

Kulturen sind in unserem modernen Verständnis keine monolithischen Formationen, sondern komplexe Gebilde, die von zahlreichen Menschen mit unterschiedlichsten Interessen und persönlichen Vorlieben und Haltungen geformt und entwickelt werden. Das stimmt mit dem Anspruch unserer demokratischen, pluralistischen Gesellschaften überein. Daher ist auch der gelegentlich benutzte Ausdruck "Kulturkreis" wenig hilfreich, suggeriert er doch das Bild einer geometrischen Figur mit fester, gleichmäßig verlaufender Grenze, die zudem in allen Punkten gleich weit vom (geistigen?) Zentrum entfernt wäre.

Im Unterschied zu diesem ausführlich dargelegten Kulturbegriff gründen Positionen und Urteile, wie sie etwa Huntington vertritt, letztlich auf einem deterministischen Verständnis von Kultur, was man auch als "Kulturalismus" bzw. "Kulturessenzialismus" bezeichnet. Man stellt die Kulturen als eindeutige und im Prinzip unveränderliche Variabeln dar, die mit innerer Notwendigkeit bestimmte, als positiv oder negativ eingeschätzte Einflüsse ausüben. Nach dieser Vorstellung ist kulturelle Koexistenz unmöglich und die Konfrontation der Kulturen unausweichlich. Kulturen sind aber höchst vielschichtige Realitäten, die in einem langen geschichtlichen Prozess entstanden und stetigem Wandel unterworfen sind. Sie sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als gemeinsame Orientierungsrahmen, die dem Leben der Menschen Sinn verleihen und ihrem Handeln die Richtung weisen.

Mit Geertz ist auch darauf zu verweisen, dass Kultur und Sozialstruktur immer eng miteinander verbunden, dennoch aber nicht einfach identisch sind, was man mit dem Begriff "Sozio-Kultur" ausdrücken kann. Die kulturellen und sozialen Aspekte einer Gesellschaft stehen in einem Prozess ständiger Wechselwirkungen, so dass es immer wieder zu Konflikten und Ungleichzeitigkeit zwischen ihnen kommt, die ihrerseits gesellschaftliche Veränderungen auslösen können. Mit anderen Worten, jede Kultur lebt von ihren internen Konflikten im Ringen um eine möglichst gute, gesellschaftliche Ordnung. In diesem Sinn sind Kulturen offene Systeme, die viel Handlungsspielraum bieten und ganz unterschiedliche und sogar gegenläufige Entwicklungen hervorbringen können. Umgekehrt haben gesellschaftliche Prozesse nie nur sozio-kulturelle, sondern immer auch ökonomische und politische Ursachen.

Huntington ist sich über die Gesellschaft im Westen offenbar überhaupt nicht klar. Eines der Fundamente westlichen modernen Denkens ist, um mit Nietzsche zu sprechen, die Frage "Wer sind wird, und was sind wir?". Ist es überhaupt möglich, von "einer" Identität zu sprechen, gibt es nicht zahlreiche Identitäten? Oder sind Identitäten nicht Ergebnis von Herrschaft, von Willen und von vielen mehr? Huntington spricht in seinen Schriften immer vom Westen, von der westlichen Art zu denken. Und genau damit wird klar, wie wenig er eigentlich vom Westen selbst versteht. Einer der bedeutendsten, machtvollsten Aspekte des Westens, wenn es so etwas überhaupt gibt, besteht darin, dass die sogenannte Identität eine Revolte gegen Autorität ist. Auch wenn man im Westen zunächst in einer bestimmten Art und Weise dachte "So ist die Welt", ist dies spätestens nach Marx, Nietzsche, Darwin und Freud nicht länger möglich.

Hinzu kommt, dass gerade durch die "Kulturwissenschaften" belegt ist, dass Kulturen komplexer sind und viel mehr als nur eine einzige Qualität haben. Alle Kulturen sind Mischungen. Überdies haben zahlreiche Historiker, so unter anderem Eric Hobsbawm47) in ihren Arbeiten festgestellt, dass kulturelle Traditionen Erfindungen sind. Es gibt keine ursprüngliche Tradition, die man einfach irgendwo aufliest, um dann von sich selbst zu sagen "Ja, ich folge der Tradition", sondern Menschen erschaffen Traditionen. So beispielsweise geschah es in Europa, als man die Regeln des Fußballspiels erfand, die vorher nicht existierten und von denen man heute sagt, dass sie Tradition seien, obwohl sie erst hundert Jahre existieren.

Das Bild jeder Kultur oder Zivilisation ist künstlich hergestellt und man erfindet Bilder des "Anderen", da sie für einen selbst einen bestimmten Gebrauchswert haben. Und das machen wir alle. John D. Bernal48) zum Beispiel spricht von der Erfindung des antiken Griechenland als einem Modell einer urbanen Kultur. Wissenschaftlich belegt ist, dass Griechenland eine Vermengung von jüdischer, afrikanischer, phönizischer, aramäischer und natürlich lokaler Kulturen war. Wir nennen dies heute "klassisches Griechenland", weil wir es zu einem Modell der Wurzeln des Westens transformiert haben. Wir haben es also mit der Absicht geschaffen, um uns vom ihm abzuleiten. Wenn man dies alles berücksichtigt, kann man unmöglich behaupten, dass die Auseinandersetzung zwischen den Kulturen das zentrale Moment sind. Denn man ignoriert damit, was innerhalb der Kulturen selbst vor sich geht.

Der Begriff des "Kampfes der Kulturen" ist zudem untauglich, weil er einen unweigerlich dazu verleitet, wichtige oder möglicherweise entscheidende Unterschiede innerhalb der Kulturen selbst zu vergessen. Solche Unterschiede traten in aller Schärfe hervor, als 1989 eine beträchtliche Minderheit von Muslimen weltweit gegen das Todesurteil von Ayatollah Chomeiny gegen den Autor Salman Rushdie protestiert – im Iran selbst unterschrieben 127 Intellektuelle ein Protestschreiben -, während einige prominente westliche Stimmen, weltliche und religiöse gleichermaßen, sich für das Verdikt zu entschuldigen oder es zu "verstehen"49) versuchten.

Huntington schenkt - und das ist ein weiterer wichtiger Kritikpunkt - in seinem Werk der Verdichtung ökonomischer Austauschbeziehungen, die oftmals unter dem Begriff Globalisierung zusammengefasst wird, zu wenig Beachtung und zieht die Linien zwischen den Kulturen als undurchdringliche Mauern. Mit der Globalisierung verbunden ist aber die Ausbreitung westlicher Wertvorstellungen, Leitbilder, Lebens- und Konsumstile.50) Diese Trends zur Universalisierung von Werten können langfristig zur Herausbildung einer Weltkultur und Weltethik führen. Einer solchen Homogenisierungstendenz – durch Wall Street, Silicon Valley, Hollywood, die Popmusikindustrie und die Anglisierung der technischen Kommunikation - steht das in allen Weltreligionen beobachtbare Bestreben entgegen, kulturelle und lokale Identitäten zu bewahren, und sei es auch nur als eine Art Trotzreaktion.

Anders formuliert: die im "Westen" entwickelte Technik und Produktionsweise durchdringt die ganze Welt. Damit werden in anderen Kontinenten existierende Lebensweisen und Orientierungen, wird mit einem Wort die Kultur massiv herausgefordert und in Frage gestellt. Auf diese Herausforderungen gibt es keine einheitliche Reaktion. Im Gegenteil, es lassen sich mindestens fünf unterschiedliche Reaktionsweisen unterscheiden:

  • die anpassende, häufig bei den jüngeren Mitgliedern der dortigen Eliten anzutreffen, die das von außen Angebotene – also auch die dazugehörigen Wertorientierungen – enthusiastisch übernimmt;
  • die versöhnende, die das Neue und Fremde mit den eigenen Traditionen verbinden will, ja oft zu der Behauptung neigt, dies seien doch eigentlich bereits Errungenschaften der eigenen Kultur;
  • die opportunistische, die so viel als möglich vom Althergebrachten zu retten sucht, sich von dem Neuen aber die "Rosinen" herauspicken möchte – etwa das wirtschaftliche Wachstum, den Wohlstand, die Technik;
  • die traditionelle, die das Fremde kategorisch ablehnt;
  • und die militante, die diese Ablehnung mit Gewalt durchsetzen will, womöglich die eigene Tradition auch missionarisch ausbreiten möchte.

Damit ist klar, wo der "Kampf der Kulturen" eigentlich seinen Platz hat: nicht so sehr zwischen den Gesellschaften und Ländern, sondern in ihnen.51) Wohin sich das entsprechende Land bewegt, hängt von den inneren Machtverhältnissen und den Koalitionen zwischen den verschiedenen Richtungen ab. Manchmal gelingt es, die Massen entlang den traditionellen Linien zu mobilisieren – das war während der iranischen Revolution von 1978/79 der Fall. Anderswo üben die Menschen Lynchjustiz an fundamentalistischen Terroristen, die ihre wirtschaftliche Grundlage und ihre innere Sicherheit zu erstören drohen, wie z. B. in Ägypten.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig drauf hinzuweisen, dass die islamischen Fundamentalisten in der Regel primär die eigenen, der islamischen Zivilisationen angehörigen Regierungen in den einzelnen Ländern als Ziel ihrer Aktivitäten sehen, und nicht andere Zivilisationen. Es geht den Islamisten also in erster Linie darum, an die Macht zu kommen, die jeweilige Regierung zu stürzen, bevor sie machtvoll nach außen aktiv werden können.52) Der Islamismus schwächt also die Regierung der Länder, wo er aktiv wird. In der Opposition erweist er sich als eine sehr wirksame Gegenideologie, die den bestehenden Staat erschüttert; an die Macht gelangt, verhindert er, dass für Gegenwartsprobleme die für die Gegenwart geeignete Lösung gefunden werde. Der Islamismus beraubt sich selbst der Möglichkeit, auf heutige Fragestellungen heutige Antworten zu finden. Er kann dies nicht, weil er sich an die ehrwürdige, aber zu anderen Zeiten entstanden und an jene Zeiten gebundene Rechtskonstruktion des Gottesgesetzes halten zu müssen glaubt.

Wichtig ist zu verstehen, dass alle Weltkulturen Anknüpfungspunkte für moderne Interpretationen ihrer Wertesysteme liefern. Die Behauptung der Fundamentalisten und Traditionalisten, die einzig authentische Version zu besitzen, ist ein tragisches Verkennen der Geschichtsgebundenheit von Sprache und in Sprache übermittelten Wertsystemen. Gerade die heiligen Schriften der Buchreligionen sind in ihrer Vielfalt fast beliebig interpretierbar. Nur so haben sie sich auch über Jahrhunderte oder Jahrtausende unter drastisch unterschiedlichen Umständen behaupten können.

Ein weitere Kritikpunkt ist, dass Huntington nicht auf die Vielgestaltigkeit jedes einzelnen Kulturkreises eingeht und somit seine Aussagen eine tiefgreifende Beschreibung aller Kulturkreise vermissen lassen. Über den Islam, der doch die Weltpolitik durch sein aggressives Verhalten so prägen soll, findet man fast überhaupt nichts. Oder anders formuliert: Eine der Gefahren von Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen liegt darin, dass sie die Homogenität des Islam als Weltreligion übertreibt. Huntington differenziert nicht "den Islam", er unterscheidet nicht zwischen Islam als Weltregion und Islamismus als radikal-politischem Konzept.53) Der Islamismus, oder der politische Islam, wie er auch genannt wird, glaubt durch den Rückgriff auf die Urquellen des Islams die Probleme der heutigen Zeit lösen zu können. Er verlangt von seinen Anhängern, aktiv auf die Errichtung eines islamischen Staates hinzuarbeiten, in dem Gott und nicht der Mensch der Souverän ist. Gegen ein neues Selbstbewusstsein "des Islam" gibt es indes wenig einzuwenden, wohl aber gegen den Missbrauch einer Religionslehre für individuelle politische Zwecke. Der Islamismus kann nicht für sich in Anspruch nehmen, den Islam zu vertreten oder nur auf dessen Lehren zu basieren. Der Leser erfährt bei Huntington nur etwas über die westliche Kultur54) und kurze Anmerkungen über den sinischen Kulturkreis. Ebenso scheinen die anderen Kulturen von Huntington nicht den Stellenwert zu besitzen, um näher auf sie einzugehen.

Auch die Aufteilung der Welt in sieben oder acht Kulturkreise kann man mit großer Skepsis betrachten. Mit seiner Einteilung verstrickt sich Huntington in eine Reihe von Widersprüchen. Die "westliche" Zivilisation ist für ihn ein monolithischer Block; hierunter fasst er Nordamerika und Westeuropa sowie die von den Bewohner dieser Regionen besiedelten Gebiete zusammen. Während er Australien und Neuseeland zur "westlichen" Zivilisation rechnet, bricht er mit seiner Definition, indem er die "lateinamerikanische" Zivilisation, deren Bewohner ebenfalls größtenteils europäischer Abstammung sind, als getrennte Zivilisation betrachtet.55) Er widerspricht sich zudem, indem er Griechenland und Zypern der "westlichen" und nicht der "slawisch-orthodoxen" Zivilisation zurechnet. Und wenn der Hinduismus eine Zivilisation begründet, warum nicht der Buddhismus?

Besonders aber fällt Huntingtons Schweigen in bezug auf das Judentum auf, welches nach seinen eigenen Kriterien eine eigene Zivilisation par excellence wäre. Die Angehörigen dieser Zivilisation, wäre das Judentum von ihm als solches definiert worden, zeichnen sich durch eine ihnen eigene Religion aus. Auch das Kriterium der Sprache ist in hohem Maße erfüllt. Selbst wenn das Hebräische als Umgangssprache unter Juden jahrhundertelang kaum gepflegt wurde, konnte es im Zuge der jüdischen Wiederbesiedlung des heutigen Staatsgebietes Israel wieder belebt werden. Die religiöse Literatur wurde zudem durchgehend auf Hebräisch gelesen. Darüber hinaus formten die in der Diaspora lebenden Juden eigene Sprachformen, die sich zum einen durch einen hohen Anteil hebräischer Sprachelemente auszeichneten und zum anderen dadurch, dass diese Sprachformen mit Hilfe des hebräischen Alphabets geschrieben wurden.

Dies trifft zu für Jiddisch im ost- und mitteleuropäischen Sprachraum, für das Judäarabische in der arabischen Welt, das Sephardische in Südwesteuropa sowie das Judäpersische im iranischen Raum. Hierin übertrifft das Judentum bei weitem den Islam, für den das Arabische als die Sprache des Koran zwar auch eine herausragende Stellung einnimmt, sich aber - auf Grund unterschiedlicher historischer Grundvorsaussetzungen und Entwicklungen - in den nichtarabischen Gebieten des Islam als Sprache über den rein religiösen Gebrauch nicht durchgesetzt hat. Zudem verfügt das Judentum mit Israel über einen eigenen Staat. Huntingtons Schweigen zu einer möglichen jüdischen Zivilisation sowie zu der Frage, welche strategische Rolle der Staat Israel in seinem Gesamtkonzept spielt, mag auf der seit einigen Jahrzehnten festen amerikanisch-israelischen Allianz, der bedeutsamen Rolle der jüdischen Staatsbürger in den USA sowie auf der heute fest etablierten Vorstellung einer christlich-jüdischen Tradition basieren. Es bleibt jedoch eine auffallende Inkonsistenz im Huntingtonschen Modell.

 

2. Empirische Beispiele

Huntington führt in seinem Buch mehrere Beispiele der Weltpolitik an, die seine These vom "Kampf der Kulturen" stützen sollen.

So spricht Huntington von den "blutigen Grenzen des Islam". Er versucht diese These statistisch zu beweisen, indem er zeigt, dass von einunddreißig gewaltsamen Konflikten zwischen zwei und mehreren Parteien aus verschiedenen Kulturen einundzwanzig – also zwei Drittel – mit moslemischer Beteiligung stattfinden.56) Das könnte den Eindruck erwecken, dass der Islam eine besonders gewaltfreudige Kultur sei.

Denkt man jedoch einen Augenblick nach, so fällt sofort auf, dass die islamischen Kämpfer für einen "interkulturellen Konflikt" ja stets eine nicht-islamische Gegenpartei brauchen. Aus dieser Überlegung heraus kann man die Statistik in folgender Weise neu lesen: Von zweiundsechzig Parteien, die in gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen verwickelt sind, sind einundzwanzig – also etwa ein Drittel – Staaten oder Gruppierungen islamischer Herkunft. Das hört sich bereits ganz anders an. Wirft man jetzt noch einen Blick in den Atlas und macht sich die Mühe, sich die Grenzen zwischen den Kulturen genauer anzusehen, so stellt man fest, dass der Islam weitaus mehr Außengrenzen zu Lande hat als jede andere Weltreligion. Dies liegt daran, dass die islamischen Länder und Völker wie Käse auf einem Sandwich zwischen die anderen Weltkulturen eingequetscht sind, während die übrigen einen großen Teil ihrer Flanken vom Meer geschützt sehen – die "Latino" - Kultur hat überhaupt nur eine einzige Landgrenze mit einer anderen: die mexikanisch-amerikanische. Mit anderen Worten, Huntingtons Statistik sagt nichts, was wir nicht längst gewusst hätten: Dass Staaten, die auf Land aneinandergrenzen, die größtmögliche Chance haben, in Streit miteinander zu geraten. Die "überdurchschnittliche" Kampfeslust des Islam entpuppt sich, bei gründlicher Überlegung, als durchschnittlicher statistischer Erwartungswert.

Ein weiteres Beispiel kommt aus dem Bereich des internationalen Waffenhandels. Um sein Schreckensszenario von der islamisch-konfuzianischen Allianz zu untermauern, verweist Huntington auf die Waffenverkäufe Chinas und Nordkoreas an islamische Staaten, vor allem an Pakistan, Iran, Irak und Syrien. Er erinnert auch an die chinesisch-iranische Zusammenarbeit in der Nukleartechnik.57)

Dabei verschweigt er, dass die westlichen – vor allem amerikanischen – Waffenverkäufe an islamische Staaten die der beiden genannten Staaten um mehr als das Zehnfache übertreffen. Im Jahr 1993, in dem Huntington diese These aufstellte, kamen 61 Prozent aller Waffenlieferungen in die Dritte Welt aus den USA. Drei Viertel davon, im Gegenwert von elf Milliarden Dollar, gingen in den Nahen Osten: Signalisiert das etwa eine westlich-islamische Allianz? Der wichtigste Partner Irans in der zivilen Nukleartechnik ist heute Russland, das sich zur Fertigstellung von zwei Leistungsreaktoren in Buschir, dem Neubau von fünf weiteren und einer Vielzahl von Einzelprojekten in der Forschung verpflichtet hat – bedeutet das ein orthodox-islamisches Bündnis?58) Am weitesten gestreut ist gegenwärtig die nukleare Zusammenarbeit zwischen Argentinien und Staaten aus der Welt des Islam. Argentinien hat Algerien mit einem Forschungsreaktor versehen, errichtet einen Reaktor in Ägypten und hat mit Syrien einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen. Argentiniens Kernbrennstofflieferungen gehen an Algerien und Iran – droht uns da etwa eine "latino-islamische Allianz"?

Huntington nennt den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Dabei engt er die Kriegsursache auf ein kulturelles Minimum ein und lässt dabei aber die tiefgreifende ökonomische und politische Vorgeschichte völlig außer Acht. Allerdings stellt sich hier schon die Frage, ob dieser Konflikt nicht erst nachträglich kulturelle Konturen gewonnen hat. Auch die Bündnisbildungen, z. B. die des katholischen Deutschlands (ist es das wirklich?) mit Kroatien, wird durch die Unterstützung der Bosnier durch die USA fragwürdig. Der Friedensforscher Harald Müller, Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, bemängelt in diesem Zusammenhang vor allem die Verkehrung des Opfer-Täter-Verhältnisses bei folgender Aussage Huntingtons: "In Bosnien haben Muslime einen blutigen und verhängnisvollen Krieg mit orthodoxen Serben geführt und auch gegen katholische Kroaten Gewalt ausgeübt."59) Das hier die historische Wahrheit auf der Strecke bleibt, ist für Harald Müller nicht sehr verwunderlich, da Huntington ja bereits mit dem Vorverständnis vom "blutigen Islam" an den Krieg herangeht.60)

Der Zweite Golfkrieg, den Huntington als Beleg seiner Theorie anführt, impliziert dagegen nicht einmal den geringsten kulturellen Aspekt. Nur Saddam Hussein hat versucht, die kulturellen Differenzen verstärkt hervorzuheben, um auf eine breitere Unterstützung innerhalb der islamischen Welt bauen zu können. Im Vordergrund dieses Konfliktes standen territoriale und ökonomische, nicht kulturelle Fragen. Die Balance of Power war im Nahen Osten in Frage gestellt, weshalb sich auch Saudi-Arabien so pro-westlich verhielt.

Der von Huntington erwähnte Konflikt im Kaukasus zwischen Armenien, Aserbaidschan und den umliegenden Großmächten kann man kaum als einen "Kampf der Kulturen" bezeichnen. Auch hier steht nicht der Konflikt im Vordergrund, sondern politische, ideologische und ökonomische (die Ölpiplines) Gründe waren ausschlaggebend.61)

Besonders die innerkulturellen Konflikte, die bei Huntington kaum Beachtung finden, stellen ein großes Fragezeichen hinter die These "Kampf der Kulturen". Wie kann man Konflikte wie die in Nordirland, Ruanda, der Türkei (gegen die Kurden) u.v.a. mit der Argumentation Huntingtons erklären. Dies fällt sehr schwer. Für den Politikwissenschaftler Pierre Hassner finden die derzeitigen Konflikte nicht zwischen den großen Kulturkreisen, "sondern zwischen Tutsi und Hutu, zwischen Paschtunen und Tadschiken, zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen Türken und Kurden, Iranern und Irakern"62), also entlang ethnischer Grenzen statt.

 

3. Die Ursachen zukünftiger Kriege und Konflikte

Wie schon die wenigen Beispiele zeigen, wird die kulturelle Ursache von Konflikten nicht bestritten. Diese ist aber weder die einzige noch die gefährlichste Triebfeder von Kriegen. Es spielen vor allem machtpolitische und ökonomische Gründe ein Rolle, deren Bedeutung Huntington vollkommen unterschätzt.63)

Dieter Senghaas bezeichnet Huntingtons Thesen zu Kriegsursachen in gleichem Maße vordergründig. Huntington entgehe die Tatsache, "dass kulturelle und in aller Regel religiöse Faktoren selten am Ausgangspunkt einer Konflikteskalation durchschlagendes Gewicht besitzen."64) Überwiegend seien soziale und ökonomische Diskriminierung die Ursache für Konflikte, wofür man besonders die klassische Minderheitenproblematik als weltweit abrufbaren Beleg heranziehen könne. Verschiedene Möglichkeiten, wie z.B. die Schulbildung, die die Mehrheitsgesellschaft tagtäglich in Anspruch nehmen kann, bleiben den Minderheiten oft versperrt. Diese Frustration der verpassten Chance führt dann schnell zu einer Politisierung der Kultur, besonders wenn die Diskriminierung der Minderheit diesen Aspekt ausdrücklich mit einschließt. Darin liegt die "Modernität" solcher Konflikte, nicht etwa in einem neuen Kulturbewusstsein.65)

 

4. Ein neues Paradigma für die Welt?

Man muss Huntington vorwerfen, dass er zunächst zwar multipolar argumentiert, dann aber in die Bipolarität zurückverfällt, indem er versucht, die These "the west against the rest" zu untermauern. Sein neues Paradigma internationaler Politik geht davon aus, das der machtpolitische Konflikt der Nationalstaaten und der Ideologien im 21. Jahrhundert vom "Kampf der Kulturen" abgelöst wird. Er presst somit die komplexen Verhältnisse in der Welt wieder in das einfache Schema: Wir gegen sie, gut gegen böse, Recht gegen Unrecht, wie es zu Zeiten des Kalten Krieges üblich war. Huntington ist dem alten Modell also viel zu sehr verhaftet und denkt größtenteils noch in den Kategorien des Ost-West-Konflikts.

Die Rahmenbedingungen haben sich jedoch grundlegend geändert, seit der "disziplinierende" Effekt der früheren Ost-West-Konfrontation weggefallen ist. Die wichtigsten Veränderungen können wie folgt zusammen gefasst werden:

  • die Anzahl der Akteure und die Heterogenität ihrer Interessen ist sprunghaft gewachsen und mit ihnen die Zahl möglicher Krisen- und Konfliktherde;
  • supranationale Ordnungsstrukturen und Regelungsmechanismen kommt eine wesentlich größere Bedeutung zu als noch vor wenigen Jahren;
  • die verschiedenen Bereiche politischen Handelns (Militär, Wirtschaft, Ökologie etc.) bilden zunehmend ein Funktionskontinuum mit starken Wechselwirkungen;
  • oft besteht eine Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Foren (UN, NATO, EU, OSZE etc.), die den Handlungsspielraum und die möglichen Ergebnisse stark beeinflussen.

Die Aufgabe der Zukunft muss es daher sein, möglichst schnell ein auf diese veränderten Rahmenbedingungen abgestimmtes Konzept des Krisenmanagements zu entwickeln und nicht neue Feindbilder zu schaffen, die so nicht existieren.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwand das alte Feindbild, an seine Stelle tritt bei der Theorie von Huntington das neue Feindbild Islam und China. Eine Instrumentalisierung von Kultur aus politischen Interessen ersetzt alte Feindbilder durch neue, um militärische Ausgaben, westliche Bündnistreue oder die Notwendigkeit einer Vormachtstellung der USA, bzw. des Westens, zu rechtfertigen. Nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Verkürzung und Vereinfachung, sondern auch wegen dieser Argumente sind solche Szenarien äußerst umstritten. Ideologen wie Huntington stellen letztlich den Nationalismus in seiner schlechtesten Variante dar, da sie die Welt in einen Osten und einen Westen aufteilen, die sich unterscheiden müssen. Auf diesen Unterschied bestehen sie. Wenn man diese These weiterverfolgt, muss man zu der Auffassung gelangen, dass es Huntington nur darum geht, eine weiterhin starke Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu legitimieren.

Diese Pax Americana gleicht keinem anderen Imperium66) in der Geschichte – angefangen damit, dass die USA eine direkte Herrschaft über abhängige Völker lieber vermeiden und Zugang und Einfluss dem direkten Kommando vorziehen. Amerikas Imperium ist informell, da es sich nicht aus Satelliten oder Lehen zusammensetzt, sondern aus nominell gleichrangigen Staaten. Wann immer möglich, herrschen die USA indirekt über ihr Imperium, meist über zwischengeschaltete Institutionen, deren Ton und Politik sie aber bestimmen, etwa in der Nato und im Weltsicherheitsrat der UNO, im IWF und in der Weltbank. Obwohl ihre militärische Vormacht unbezwingbar ist, ziehen die Vereinigten Staaten die Verführung der Nötigung vor. Wo es möglich ist, setzen sie auf die Anziehungskraft des "American way of life" um Zweifler und Gegner zu überzeugen. Respekt wird Washington daher immer öfter freiwillig entgegengebracht. Auch das erschöpfte Europa der Nachkriegszeit suchte Schutz und wirtschaftliche Wiederbelebung auf den mächtigen Schultern der USA – und stütze damit umgekehrt aktiv deren Vormacht. Das so entstandene "Imperium auf Einladung" dauerte auch fort, als Europas Wohlstand wiederhergestellt und ein Angriff längst nicht mehr zu befürchten war.67)

Imperiale Mächte gleichen sich in ihrer Begeisterung für Ordnung. Imperiale Mächte unterscheiden sich jedoch in den Werten, die sie ihrem Herrschaftsbereich vermitteln wollen. Wo die alten europäischen Imperien ihren Zweck (zumindest teilweise) in der Verbreitung der Vorzüge westlicher Zivilisation definierten, qualifizierte sich die Pax America heute zwar als historische Nachfolgerin. Doch während sich die früheren imperialen Unternehmen darauf spezialisierten, Heiden zu bekehren, den Wilden die Aufklärung nahe zu bringen oder die Länder auszubeuten, heißt das wahre Ziel des amerikanischen Imperiums: Freiheit. Als Thomas Jefferson davon sprach, dass die Vorsehung die Vereinigten Staaten auserkoren habe, ein "Imperium der Freiheit" zu schaffen, wiederholte er eine unter seinen Landsleuten weitverbreitete Empfindung.

Tatsächlich sahen sich die USA seit Gründung der Republik als "Neues Jerusalem, vom Himmel gesandt": Diese Definition einer historischen Bestimmung ist bis heute tief in die amerikanische Psyche eingegraben. "Die Bewahrung des heiligen Feuers der Freiheit", erklärte George Washington in seiner ersten Amtseinführungsrede, sei "in die Hände des amerikanischen Volkes gelegt worden". So wie die Macht Amerikas zunahm, so nahm auch die Ausdehnung ihrer Ambitionen zu. Denn die seit 1787 weitgehend unveränderte US-Verfassung ist ein utopisches Dokument, das darauf abzielt, das politische System auf einige wenige gültige Prinzipien zu reduzieren. Diese Prinzipien sollten, laut Verfassungspräambel, die Vereinigten Staaten in eine immer "vollkommenere Union" verwandeln.68)

Von Anfang an handelte das amerikanische Volk in der Überzeugung, es sei auserwählt, der Entwicklung der Menschheit den Weg zu weisen. Dieser Gedanke ist fundamental für das amerikanische Verständnis von der Aufgabe der Nation seit 1629, als verfolgte anglikanische Dissidenten die Massachusets Bay Company übernahmen und sich daran machten, auf jungfräulichem Boden eine neuartige religiös inspirierte Gemeinschaft zu gründen: Sie sollte der Menschheit als Vorbild dienen. Von dieser moralischen und intellektuellen Grundlage ausgehend gelangten die Amerikaner zu der Schlussfolgerung, die Welt sei letzten Endes dazu bestimmt, in einer fortgeschrittenen Version des amerikanischem Systems aufzugehen. Dessen Überlegenheit demonstrieren heute zusätzlich die wirtschaftliche Stärke und Produktivität der USA, ihre technologische Dynamik und eine Innovationsfreude, die ihresgleichen sucht.

Aus dieser Besonderheit der Verfassung ergeben sich einige Konsequenzen, was die Selbstwahrnehmung des Landes betrifft und den Platz, den es sich in der Welt zuschreibt. Weil ihre Gründungsprinzipien als unbezweifelbar richtig gelten, haben alle nachfolgenden Generationen die selbstverständliche Pflicht, diese Prinzipien für immer aufrecht zu erhalten. Und weil sie gerecht und moralisch sind, folgt daraus, dass die USA unmöglich etwas Unrechtes tun können, so lange diese Prinzipien konsistent angewandt werden. Daraus folgt weiter, dass Ausländer, die anderen Prinzipien anhängen, entweder zu bemitleiden oder zu verunglimpfen sind. Schon in den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts bemerkte ein europäischer Besucher, der Duc de Liancourt, die Amerikaner seien davon überzeugt, "dass außer in Amerika nichts Gutes getan wird und niemand über einen Funken Verstand verfügt; dass die Weisheit, die Fantasie, der Genius Europas bereits im Verfall begriffen sind".69)

Die Überlegenheit der politischen Werte und Maßstäbe Amerikas gilt als selbstverständlich. Und der Triumph des amerikanischen Modells, der Untergang des rivalisierenden Gesellschafts- und Politikmusters der Sowjetunion scheinen es zu beweisen: Unvermeidlich zieht eine neue Form der Weltgesellschaft herauf, die von den Vereinigten Staaten angeleitet, wenn nicht gar von ihnen regiert wird. Amerikanische Außenpolitik basierte immer auf dem Glauben, dass Modernisierung, Verwestlichung und Amerikanisierung organisch miteinander zusammenhängen und uneingeschränkt Nutzen bringen. Sie gelten als notwendige Voraussetzungen einer guten Ordnung der menschlichen Gesellschaft.

Bill Clinton hat zwei Jahrhunderte später das nationale Glaubensbekenntnis wie folgt formuliert: "Es gibt nichts Schlechtes an Amerika, das nicht durch das Gute an Amerika geheilt werden könnte".70) Für die Vereinigten Staaten gibt es also keinen Grund, für die Probleme, die zu Hause anliegen, nach Antworten außerhalb des Landes zu suchen.

Und 1989, als sich die USA nach dem Fall der Berliner Mauer als einzige Supermacht wiederfand, war aus dem Neuen Jerusalem schon lange das Neue Rom geworden. Diese neue Identität verdrängt Amerikas Gründungsabsicht jedoch nicht. Vielmehr zielt sie auf die Erfüllung dieser Absicht – und damit auf die Erfüllung der Geschichte selbst. Oder wie es Bill Clinton gern ausdrückte: Die Zeit war reif. Erlösung nahte. Oder in den Worten von Reinhold Nieburh: Die USA wollen nach dem Kalten Krieg ihre Mission vollenden, "der Menschheit auf ihrer Pilgerreise zur Vollendung zu helfen".

Doch wenn die Unterweisung der Menschheit für die frühen Amerikaner eine Anordnung von oben war, dann führten Amerikaner in der jüngeren Zeit diese Aufgabe im Sinne eines tiefreichenden Eigeninteresses weiter. Trotz der häufigen Anspielungen auf die Freiheit : Die Architekten der US-Außenpolitik des 20. Jahrhunderts betrachteten die Idee des Imperiums nie als eine Übung im Altruismus. Sie waren überzeugt, dass nur durch Schutz und Förderung der Freiheit (so wie die Amerikaner sie definieren) im Ausland das Wohlergehen der Vereinigten Staaten selbst garantiert werden könne.

Folglich ist eine Unterscheidung zwischen Amerikas Idealen (die für universell erachtet werden) und Amerikas Interessen (die partikular, aber in ihrem Umfang global sind) eine leere Unterscheidung. Vom Weißen Haus, vom Kapitol oder vom Pentagon aus betrachtet sind die beiden praktisch austauschbar. Weil sie taktische Flexibilität für Heuchelei halten, bezichtigen Kritiker der amerikanischen Politik – in letzter Zeit vor allem europäische Kritiker – die USA der Arroganz, der Willkür und der Ungeschicklichkeit. Aber solche Beschuldigungen hinterlassen kaum Eindruck in der quer durch das Spektrum amerikanischer Politik verlaufenden Überzeugung, dass amerikanische Interessen auf lange Sicht bestens mit den Interessen der gesamten Menschheit übereinstimmen.

Dass die aufeinander folgenden Kreuzzüge zur Förderung dieser Ideale, von 1917 über 1941 und nach 1945, die USA in den Status der "Alleinigen Supermacht" erhoben, stellt eine Art kosmisches Gericht dar; es unterstreicht einmal mehr, dass Amerika, nach einem Lieblingssatz von amerikanischen Politikern der Neunziger, "auf der richtigen Seite der Geschichte steht". Die Vormachtstellung am Ausgang des blutigen 20. Jahrhunderts bot eine Maßeinheit für den Fortschritt der Menschheit zu Freiheit, Demokratie und Frieden auf Erden. Die wenigen, die stur darauf bestanden, anders zu denken – im amerikanischen Sprachgebrauch "Schurkenstaaten" - machten sich nicht nur zu Feinden der USA, sondern zu Feinden der Freiheit selbst.71)

Seit den 80er Jahren verfolgt Washington eine Strategie des weltweiten ökonomischen Interventionismus, der Förderung einer "globalisierten" Weltwirtschaft. Vor allem seit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion waren – bis zum September 2001 – Wirtschafts- und Handelsfragen das wichtigste Element im Verhältnis der USA zu anderen Staaten. Allgemeine Deregulierung der Weltwirtschaft, offene internationale Investitions- und Handelssysteme und die Förderung von Managements- und Vermarktungspraktiken amerikanischen Stils galten als der Weg, den internationalen Fortschritt in Richtung eines "Endes der Geschichte" voranzutreiben. Der Schwerpunkt der amerikanischen Außenpolitik lag jetzt auf Deregulierung und Handelsliberalisierung. Das Ende des Kalten Krieges hatte die Auffassung der nationalen Interessen verändert und diese klare Akzentverschiebung von militärischen und politischen auf ökonomisch-kommerzielle Fragen bewirkt. Die Administrationen von Präsident Georg Bush sen. und Bill Clinton reagierten auf die veränderte Lage. Beide standen unter dem dominierenden Einfluss wirtschaftlicher Interessen.

In den 90er Jahren entwickelte sich die Globalisierung zu einem allgemeinen Phänomen. Ursprünglich hatte es sich um eine durch die technologische Entwicklung vorangetriebene Integration von Gesellschaften und Volkswirtschaften gehandelt., als Ausdruck politisch, wirtschaftlich (und moralisch) neutraler Triebkräfte. In diesem Stadium unterschied sich der Globalisierungsprozess im Grunde wenig von technologischen Entwicklungsschüben der Vergangenheit, die in souveränen Staaten allgemein positive Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft ausübten, ohne deren Fundamente zu untergraben.

Doch dann mobilisierten die Vereinigten Staaten ihre immense Macht sowohl politisch als auch ökonomisch, um die Weltwirtschaft zu deregulieren, ausländische Volkswirtschaften und Industrien für amerikanische Beteiligungen oder Übernahmen zu öffnen, ausländische Märkte, Rohstoffe und Arbeitskräfte zu erschließen, um eine freihändlerische Weltwirtschaft zu schaffen, die nach amerikanischen Normen funktioniert und sich an den amerikanischen Interessen orientiert. Die Globalisierung begann deshalb, dem Kolonialismus zu ähneln (der sich ursprünglich auch als eine Kraft des Fortschritts verstand).

Am 19. März 1999 hat der US-Kongress das so genannte Seidenstraßenstrategiegesetz (Silk Road Strategy Act) verabschiedet, das die umfassenden wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA in einer riesigen Region definiert, die sich vom Mittelmeer bis nach Zentralasien erstreckt. Die Seidenstraßenstrategie umreißt den Ausbau des amerikanischen Wirtschaftsimperiums in einem breiten geographischen Korridor:

"Die alte Seidenstraße, einst die wirtschaftliche Lebensader Zentralasiens und des Südkaukasus, verlief durch einen Großteil des Territoriums der Länder Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan Vor hundert Jahren war Zentralasien die Arena eines großen Machtspiels zwischen dem zaristischen Russland, dem britischen Kolonialreich, dem napoleonischen Frankreich sowie dem persischen und Osmanischen Reich. Militärbündnisse zählten in diesem Kampf um Reichsaussehnung, bei dem keines der Reiche die Oberhand gewinnen konnte, wenig. Hundert Jahre später hat der Zusammenbruch der Sowjetunion ein neues Machtspiel in Gang gesetzt, bei dem an die Stelle der Interessen der Ostindischen Kompanie jene von Ölgesellschaften wie Unocal und Total und vielen anderen Unternehmen getreten sind. Heute liegt unser Augenmerk auf den Interessen eines neuen Mitstreiters in diesem Spiel: die USA. Die fünf ehemaligen Sowjetrepubliken, aus denen Zentralasien besteht, sind begierig darauf, Beziehungen zu den USA aufzubauen. Kasachstan und Turkmenistan besitzen große Öl- und Gasreserven, in und um das Kaspische Meer, die sie dringend ausbeuten wollen. Usbekistan hat Öl- und Gasvorkommen..."72)

Die US-Politik zielt mit ihrer Seidenstraßenstrategie darauf, ihre Wettbewerber im Ölgeschäft, darunter Russland, den ran und China zu schwächen und schließlich zu destabilisieren:

"Zu den erklärten Zielen der US-Politik im Hinblick auf die Energieressourcen in dieser Region gehört es, die Unabhängigkeit der Staaten und ihrer Verbündeten zum Westen zu fördern, Russlands Monopol über die Öl- und Gastransporte zu brechen, die Sicherheit der Energieversorgung des Westens durch breitere Streuung der Produzenten zu fördern, den Bau von Ost-West-Pipelines zu ermutigen, die nicht durch den Iran verlaufen, sowie zu verhindern, dass der Iran gefährlichen Einfluss auf die Wirtschaften Zentralasiens gewinnt...

Zentralasien bietet offenbar beträchtliche neue Investitionsmöglichkeiten für eine große Bandbreit von US-amerikanischen Unternehmen, die ihrerseits als wertvoller Stimulus für die wirtschaftlichen Entwicklung der Region dienen können. Japan, die Türkei, der Iran, Westeuropa und China streben alle danach, wirtschaftliche Entwicklungschancen wahrzunehmen und die russische Vorherrschaft in der Region herauszufordern. Es kommt wesentlich darauf an, dass die Politiker der USA bei der Gestaltung einer Politik, die den Interessen des Landes und der US-Wirtschaft dient, verstehen, um wie viel es in Zentralasien geht".73)

Gestützt durch die Militärmacht der USA soll das Seidenstraßengesetz US-Firmen und Finanzinstituten eine riesige geographische Region öffnen. Der erklärte Zweck besteht darin, die "politische und wirtschaftliche Liberalisierung" der betreffenden Länder zu fördern – unter anderem durch "Marktreformen" unter Aufsicht von IWF, Weltbank und WTO, um so Anreize für internationale private Investitionen zu schaffen und den Handel und andere Formen wirtschaftlichen Austausches zu erhöhen.

Das Ziel der Globalisierung ist utopisch, weil es von der Erwartung ausgeht, dass eine globale Wirtschaft, von staatlicher Steuerung befreit und selbstreguliert vom vermeintlich unparteiischen, beispiellosen effizienten Marktmechanismus, den größtmöglichen Wohlstand aller erzeugt, gemessen in Produktivität und Bruttosozialprodukt, und so im Prinzip das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen bewirkt.

Ein solches Ergebnis könnte jedoch, selbst in der Theorie, nur auf Kosten der Vielfalt und des Pluralismus in der ökonomischen Sphäre erzielt werden, wobei beides durch das Streben nach immer währender Produktivitätssteigerung und maximaler Befriedung der Aktionäre unterminiert oder zerstört würde, und zwar nicht nur in der Industrie, sondern auch in dem riesigen Gebiet menschlicher Kultur, das direkt mit wirtschaftlichen Aktivitäten verbunden ist, von der Unterhaltungsbranche über Rundfunk, Verlagswesen und Presse bis hin zu den Künsten – und wahrscheinlich, wenn auch indirekt, am bedeutsamten – der Politik.

Die Globalisierung wirkt ihrem Wesen nach zerstörend, indem sie der historischen Welt und den ihr innewohnenden Restriktionen sowie den jeweils spezifischen Kulturen und Überlieferungen gleichgültig oder feindlich gegenüber steht. Der utopische Charakter der Globalisierung hat wesentlichen Anteil an der Anziehungskraft, die sie auf Amerikaner ausübt. Sogar unter Demokraten und Linken gab es bemerkenswert wenig Kritik, als Präsident Clinton gleich zu Beginn seiner ersten Amtszeit einen Kurs weltweiter wirtschaftlicher Deregulierung einschlug. Die Globalisierung wurde als Ausdruck ökonomischer Werte und Praktiken anerkannt, die im amerikanischem Leben spätestens seit den Reagan-Jahren als selbstverständlich galten.

Gleichzeitig jedoch kam es zu einer – weniger öffentlichen – Globalisierung der amerikanischen Militärpräsenz. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben die Vereinigten Staaten die weltweite Infrastruktur ihrer Regionalkommandos, Stützpunktabkommen und Beziehungen zu ausländischen Streitkräften stetig ausgebaut. All dies legt die Annahme einer permanenten und globalen militärischen Präsenz der USA nahe. Amerikanische Truppen sind gegenwärtig in über 40 Ländern stationiert. In ganz Europa einschließlich der ehemaligen Sowjetrepubliken sowie in großen Teilen Asiens und Lateinamerikas gibt es auf Kommando- und Stabsebenen enge Beziehungen, Austauschvereinbarungen und gemeinsame Übungen. Schon vor Beendigung des Afghanistan-Krieges begannen die Vereinigten Staaten militärische Einrichtungen in Usbekistan, Kirgisien, Kasachstan und Pakistan zu installieren, um ihre Präsenz in Zentralasien, die nach Angaben des Pentagon "Jahre anhalten könnte", zu sichern.74) Die strategische Doktrin des Verteidigungsministeriums zielt derzeit darauf ab, dass Schlachtfeld so weit wie möglich von den Vereinigten Staaten entfernt zu halten und die schützende Distanz wieder aufzubauen, die am 11. September so dramatisch verloren ging. Zugleich geht es, in den Worten des Pentagon, darum, weltweit "umfassende Dominanz" (full spectrum dominance) zu erlangen.

Nun waren die barbarischen Akte des 11. Septembers der unzweifelhafte Beweis dafür, dass des Menschen Pilgerfahrt zur Vollendung noch weit ist. Dennoch ließen die Ereignisse die politische Führung Amerikas keinen Moment daran zweifeln, dass ihr Projekt machbar sei. Ja, es bestärkte sie erst recht in ihrer Entschlossenheit, die Reise fortzusetzen. In seiner Ansprache nach den Angriffen weigerte sich Präsident George W. Bush, es überhaupt für bedenkenswert zu halten, dass die Angriffe auf Symbole der amerikanischen Wirtschafts- und Militärmacht irgend etwas damit zu tun haben könnten, wie die USA diese Macht einsetzen. Stattdessen beschloss er, die Angelegenheit in eine Terminologie der Freiheit einzubetten. Warum hassen sie uns?75) "Sie hassen unsere Freiheiten", erklärte Bush – und lenkte so geschickt die Aufmerksamkeit ab von der Frage nach den Konsequenzen eines Imperiums. In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag sagte der US-Präsident am 23.Mai 2002:

"Die Terroristen sind durch ihren Hass definiert. Sie hassen Demokratien, Toleranz und frei Meinungsäußerung. Sie hassen Frauen, sie hassen Juden, sie hassen die Christen, und sie hassen alle Moslems, die sich gegen sie richten. Andere töten im Namen rassischer Reinheit oder eines Klassenkampfes".76)

Anders formuliert: Nach dieser Logik hat die Al Qaida am 11. September nicht nur an die 3000 Menschen umgebracht. Usama bin Ladin und seine Anhänger haben nicht nur den USA den Krieg erklärt. Aus Sicht der Amerikaner galt ihre Kriegserklärung vielmehr den ewig gültigen Prinzipien von Gerechtigkeit und Freiheit, die Amerika verkörpert und auf die sich die Größe Amerikas gründet. Die Al Qaida hat nicht nur einige Gebäude in Amerika zerstört, sondern der Glaubensgemeinschaft Amerika eine schwere Wunde zugefügt. Und deshalb muss nicht nur sie verfolgt und vernichtet werden, auch dem Glaubensgesetz Amerikas muss Genugtuung wiederfahren. Amerika muss obsiegen, damit die Gerechtigkeit triumphieren kann. George W. Bush hat es in einer Rede in Atlanta am 31. Januar 2002 so ausgedrückt:

"Wenn du die Werte, die uns teuer sind, nicht treu im Herzen bewahrst, dann bist auch du auf unserer Liste der Verdächtigen. Die Leute fragen, was bedeutet das? Es bedeutet, dass sie gut daran tun, ihre Haus in Ordnung zu halten, das bedeutet es. Es bedeutet, das sie gut daran tun, das Recht zu respektieren. Es bedeutet, dass sie gut daran tun, Amerika und unsere Freunde und Verbündeten nicht zu terrorisieren. Wenn nicht, wird auch sie die Gerechtigkeit dieses Landes ereilen".

Der 11. September war Auslöser für einen neuen Krieg, der in seiner Ausdehnung viel größer ist als irgendeine der marginalen Interventionen, die amerikanische Soldaten in der vorausgegangenen Dekade beschäftigt hatten. Von verschiedenen Seiten ist dieser Konflikt als das Äquivalent eines weiteren Weltkrieges dargestellt worden.77) Diese Darstellung ist zutreffend. Als sich die vielschichtige US-Militärkampagne entfaltete, wurde zunehmen klar, dass sich die Bush-Regierung nicht damit zufrieden geben wird, die Verantwortlichen für die Angriffe auf New York und Washington zu bestrafen oder eine Wiederholung zu verhindern. Die wirklichen US-Kriegsziele sind weit ehrgeiziger. Die Vereinigten Staaten wollen den Terror auf der ganzen Welt ausrotten. Sie wollen den radikalen Islam und die Staaten der "Achse des Bösen" unfähig machen, die Weltordnung, ihre Weltordnung, zu bedrohen.78)

Mehr noch: Die Bush-Regierung nutzt den Krieg gegen den Terror als Gelegenheit, so etwas wie ein Referendum zu veranstalten, das die globale US-Vormachtstellung bestätigen soll. Jeder muss, das hat Präsident Bush betont, den Treueeid ablegen: Nationen verbünden sich entweder mit den USA – oder sie machen gemeinsame Sache mit den Terroristen und müssen damit rechnen, deren Los zu teilen.79) Ende Januar 2002 sprach US-Präsident Bush in seiner Rede zur "Lage der Nation" dann die Existenz einer "Achse des Bösen" an, zu der neben Nordkorea und dem Irak auch der Iran gezählt wird. Der Iran "strebt aggressiv nach Massenvernichtungswaffen und exportiert Terror", behauptet Bush.

Angesichts dieser Anschuldigungen sagte der iranische Außenminister Charrasi eine geplante USA-Reise ab und meinte, jetzt habe "die amerikanische Regierung ihr wahres Gesicht als Hegemonialmacht, die die ganze Welt mit Gewalt beherrschen will, enthüllt".80) Wenn alle Staaten, von denen vermutet wird, dass sie Widerstandsbewegungen und separatistische Bewegungen mit Waffenverkäufen unterstützten, zur Achse des Bösen gezählt würden, dann müsste sie um viele Staaten, nicht zuletzt die USA selbst, erweitert werden.

Der Iran, der islamische Staat mit den am wenigsten korrupten Eliten, hat besonderen Grund, die Anwürfe Bushs zurückzuweisen. Dieser Staat hat die Chemie-Waffen-Konvention unterzeichnet und die Konvention gegen biologische Waffen, die von den USA immer noch torpediert wird, aktiv mit vorbereitet. Darüber hinaus aber war es Mohammad Chatami, der Präsident der Islamischen Republik Iran, der am 21. September 1999 der UN vorschlug, das Jahr 2001 zum Jahr des Dialogs der Kulturen zu machen. Seine Initiative wurde von der 53. Generalversammlung der UN aufgegriffen, und Generalsekretär Kofi Annan hat eine Gruppe von 20 Persönlichkeiten dafür gewonnen, ein Manifest zu diesem Thema zu erarbeiten.

Es waren Anthropologen und Ethnologen, Schriftsteller und Praktiker, Politiker und Religionsvertreter, Wissenschaftler und Königliche Hoheiten, aus dem deutschsprachigen Raum Richard von Weizsäcker und Hans Küng. Ende 2001, nur wenige Wochen vor der Bush Rede, ist das daraus hervorgegangene Manifest "Brücken in die Zukunft" erschienen. Fertiggestellt wurde es schon unter dem Eindruck des 11. September. Kaum ein größerer programmatischer Gegensatz ist denkbar als der zwischen diesem Manifest und Bushs Programm: Präsident Bushs Programm teilt die Welt schematisch, je nach aktuellem Bedarf, in Gut und Böse, Freund und Feind auf, während das Manifest als zentrales neues Paradigma der internationalen Politik die Überwindung des Freund-Feind-Denkens propagiert. Bushs Politik setzt seine Vorstellung von Recht rücksichtslos durch, während das Manifest den Grundsatz "Macht schafft Recht" durch ein neues Paradigma der auf die UN gestützten Kooperation aushebeln will.

Der "Dialog der Kulturen" (besser sollte man sagen "interkultureller Dialog", denn die Kulturen sind keine Subjekte, und in Dialog treten immer nur Menschen, geprägt von unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen) ist auch nach dem 11. September 2001 "geradezu unumgänglich", so die Überzeugung der Manifest-Autoren. "Die Politik der Vorherrschaft wird durch eine Politik der Kommunikation, der Netzwerke, des Verhandelns, der Interaktion, der Begegnung und der Zusammenarbeit ersetzt". Angestrebt wird eine Politik, die, wie Benjamin Barber gefordert hat, von einem neuen Gesellschaftsvertrag, einer Declaration of Interdependence, eine Erklärung wechselseitiger Abhängigkeit der Nationen und Völker ausgeht.81)

Als letztes Nebenprodukt des 11. September hat die US-Regierung die Gelegenheit ergriffen und eine neue Bush-Doktrin verkündet, die so neuartige Konzepte wie "vorwegnehmende Selbstverteidigung" und "präventive Abschreckung" enthält.82) Der von Verteidigungsminister Rumsfeld dem Präsidenten vorgeschlagene Übergang zu einer international weit ausgreifenden Vorwärtsverteidigung Nordamerikas durch vorbeugende Eingriffe in und Angriffe auf andere Länder, von denen eine Bedrohung Nordamerikas ausgehen könnte, verbindet sich in den Vorschlägen zur neuen Rüstungs- und Streitkräfteplanung der Bush-Administration mit einer Rückkehr zum Einsatz von Nuklearwaffen für operative Zwecke gegen andere Länder auch ohne einen vorherigen Angriff auf die USA oder US-Streitkräfte und Verbündet in Übersee. Zu diesem Zweck soll eine "Miniaturisierung" von Kernwaffen flexible Optionen für "Präventions"-Angriffe gegen verbunkerte Lager von Massenvernichtungsmitteln, Raketensilos und andere unterirdische Anlagen schaffen. Amerikanische Streitkräfte sollen mit modernen nuklearen und konventionellen "offensive strike systems", das heißt flexibel nuklear oder konventionell einsetzbaren beweglichen Waffensystemen, ausgerüstet werden.

Die operative Strategie der USA und damit die amerikanischen Streitkräfte in Übersee würden partiell "re-nuklearisiert" werden (jene in Europa in der Nato haben seit 1990 nur noch einen Restbestand an taktischen Kernwaffen bei den Flugzeugen). Es würde dann neben der Nato-Strategie, die Kernwaffen seit 1990 nur noch als "ultima ratio"- Waffen in der Drohreserve der Abschreckung einsetzen würde, eine zweite "Koalitionsstrategie" der USA über die Nato hinweg mit der Option auf Ersteinsatz von Kernwaffen gegen "bedrohliche Staaten" ("rogue states" oder "Schurkenstaaten" ) geben.83)

Solche "präemptiven" Angriffe auf "offensive strikes" der US-Streitkräfte nicht nur aus Nordamerika direkt mit Raketen oder luftgestützten Marschflugkörpern, sondern auch von Stützpunkten in Europa oder Asien und von See her (Flugzeugträger und U-Boote) gegen andere Länder würde als vorbedachte Eskalation von Krisen durch amerikanische Initiative zum Krieg die seit dem Ende des Ost-West-Konflikts eingenommene Basis der gesamten westlichen Strategie und Sicherheitspolitik zur Krisenbeherrschung verändern.

Die Stichworte, die seit Jahresbeginn in Washington im Umlauf sind, "preemptive prevention", also vorbeugende Angriffe auf ausgewählte strategische Ziele in anderen Ländern, "offensive strike systems", also Waffensysteme, mit denen solche Angriffe ausgeführt werden können, "preemptive defense", und "offensive defense", weisen sämtlich in dieselbe gedankliche Richtung: die vorbedachte Drohung der USA mit nuklearen wie mit konventionellen Schlägen ("offensive strikes") gegen ABC-Waffen-Potentiale und andere Angriffsmittel anderer Länder, von denen eine Bedrohung gegen die USA ausgehen könnte.

Weit ausgreifende, global angelegte und vorbeugenden Vorwärtsverteidigung über Ozeane und Kontinente hinweg würde Nordamerika nicht nur zum zentralen Schutzgebiet haben, sondern auch Europa wie Südamerika und Australien, Japan und Korea, Taiwan und Südostasien jenseits der von der amerikanischen See- und Luftmacht beherrschten Ozeane zu vorgeschobenen Positionen gegenüber unsicheren oder bedrohlichen Ländergruppen machen, von denen eine Aggression ausgehen könnte. Damit wäre eine permanente Interventionslage international gegeben, und der Friedenszustand würde erheblich relativiert als Reaktion auf eine latente, aber permanent wirksame und wechselnde Terrorbedrohung.84)

Der "Krieg gegen Terror" und die damit seit September 2001 verbundene internationale Anti-Terror-Kampagne, an der die Nato politisch als Allianz, einzelne Verbündete auch direkt und aktiv militärisch beteiligt sind, würden auf der Basis einer nationalen Offensivstrategie der USA einen allgemeinen Schwebezustand zwischen Interventionskrieg, Terrorbedrohung und ungesichertem Frieden schaffen, in dem die Kräfte aller Beteiligten und betroffenen auf Prioritäten nach "worst case" – Szenarien ausgerichtet werden müssten, um den jeweils anerkannten Sicherheitserfordernissen Genüge zu tun. Die möglichen Folgen für den Welthandel, die Währungsbeziehungen und den internationalen Verkehr, für die Volkswirtschaften der kritisch exportabhängigen und Sabotage-empfindlichen Länder Europas und Asiens sind derzeit kaum absehbar, falls es nicht gelingt, den internationalen Ausnahmezustand seit dem 11. September bald zu beenden und weitere Terroranschläge zu verhindern.

Der amerikanische Außenminister und frühere Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs Colin Powell hat das Kernproblem der neuen strategischen Konzeption aufgezeigt, als er forderte, dass "preemptive strikes" nur auf ausreichenden und verlässlichen Erkenntnissen über Bedrohungen der USA mit gefährlichen Aggressionen beruhen könnten und dass sie ihn ihrer Wirkung "entscheidend" sein müssten, damit eine solche Offensivstrategie als Instrument der nationalen und internationalen Sicherheit ihren Zweck erfüllen kann.

Für alle Partner der USA wird die Frage nach der richtigen Nachrichtenlage und nach der Sicherheit der Lagebeurteilung über den Ernst einer Bedrohung die entscheidende Frage sein. Die Interessen der Partner Amerikas können aber nicht einfach durch militärische Mitwirkung und politische Unterstützung gewahrt werden, zumal Washington nationale Handlungsfreiheit für eine "präemptive Prävention" und "defensive Intervention" mit allen geeigneten Mitteln und allen nützlichen Verbündeten anstrebt. Der amerikanische Vizeverteidigungsminister Wolfowitz hatte dazu schon Anfang Februar 2002 in München offiziell vor einer Gruppe europäischer Verteidigungsminister erklärt, die Missionen bestimmten die Koalitionen und die USA würden notfalls allein handeln oder sich "nützliche Verbündete von Fall zu Fall" suchen.85)

Kurz gesagt, der Konflikt des 11. September lässt sich als amerikanischer Krieg gegen den Terror qualifizieren und gegen jene, die "unsere Freiheiten hassen". Aber er stellt genauso auch einen Konflikt zum Nutzen des amerikanischen Imperiums dar; er ist ein Krieg, in dem die USA wie niemals zuvor bereit sind, ihre Autorität als Neues Rom einzusetzen, um ihre Bestimmung als Neues Jerusalem zu erfüllen.86) Der einflussreiche US-Senator Jesse Helms, damals Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Senats, hat im Januar 2000 diese Position vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wie folgt erläutert:

"Keine Institution, kein Gremium der Vereinten Nationen, weder der Sicherheitsrat, das Jugoslawien-Tribunal noch ein zu gründender Internationaler Strafgerichtshof sind kompetent, über die Außenpolitik und die Entscheidungen zur nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten ein Urteil abzugeben".87)

Wenn also Präsident Bush im Dezember 2001schwor, dass "Amerika die Welt zum Frieden führen" werde, dann holt er nicht nur eine windige Plattitüde aus der Versenkung. Er betonte noch einmal das fundamentale strategische Ziel und den modus operandi seiner Nation. Die Vereinigten Staaten werden "führen". Das heißt, dass sie nicht aufgeben werden, die Weltordnung umzugestalten – und dass sie dafür die absolute Vormachtstellung einsetzen werden, die sie im Jahrhundert ihres Aufstiegs errungen haben.88) Dabei werden sie mit einem Auge stets darauf schauen, einen langwährenden "Frieden" zu sichern, was eine geordnete Welt bedeutet, welche dem amerikanischen Unternehmergeist dienlich ist, amerikanischen Werten wohlgesonnen und die Amerikas Status als einzige Supermacht aufrechterhält.89) Das war das Ziel amerikanischer Politik vor dem 11. September , und das bleibt das Ziel der Bush-Regierung auch heute. Und diese Mission läuft unter dem Begriff "Kampf gegen den internationalen Terrorismus".90)

 

Bewertung der "Huntington-Debatte"

Bei einer zusammenfassenden Betrachtung der sogenannten "Huntington-Debatte" wird man feststellen müssen, dass Huntington mit seiner Theorie versucht, eine Orientierung in die neue, internationale Unübersichtlichkeit zu bringen. Die Kritiker werden nicht leiser, aber auch Huntington scheut sich deswegen nicht, seine Thesen immer wieder öffentlich zu verteidigen. Jedes aktuelle weltpolitische Ereignis wird anhand des "Clash of Civilizations" diskutiert und analysiert. Je nach dem wo sich der eigene Standpunkt befindet, wird man immer Bestätigungen für Huntingtons Thesen oder eben Gegensätze zu denselbigen finden. Aber eines ist klar: der von Huntington beschworene "Kampf der Kulturen" ist kein unausweichliches Schicksal. Er ist nicht einmal ein deutlicher Trend in den heutigen internationalen Beziehungen.

"Mir gehen die Bösen aus", hat General Colin Powell gesagt, als er noch General war. Damit ist eine Strömung der amerikanischen Politik der neunziger Jahre beschrieben: Die Vereinigten Staaten benötigen Ersatz für das Reich des Bösen. Es mangelte an klaren Frontlinien, an Gegnern und Verbündeten, die des amerikanischen Beistandes bedurften: So kommt Ordnung in die Welt. Ein Hegemon kann seine Macht nur dann voll ausspielen, wenn andere ihn ersuchen, es zu tun. Die These Huntingtons war ein Anfang, vielleicht zu grob für den Zweck: Solange die USA auf das arabische Öl angewiesen sind, werden sie diese Kulturtheorie nicht weiter verfolgen.91)

In den Worten von Jürgen Habermas:

"Das Thema ‚Kampf der Kulturen’ ist oft der Schleier, hinter dem die handfesten materiellen Interessen des Westens (zum Beispiel an der Verfügung über die Erdölvorkommen und der Sicherung der Energiezufuhr) verschwinden".92)

Es ist deshalb kein Wunder, dass Huntington den Krieg gegen den Terror nicht als Anwendungsfall seiner These verstanden sehen will. Mag Huntingtons Argumentation an manchen Stellen auch überzogen, einseitig, vereinfachend, vor allem nur aus amerikanischer Sicht argumentierend und vielleicht sogar irreführend und falsch sein, so haben seine Thesen eine enorme interdisziplinäre und weltweite Resonanz erfahren und einen wissenschaftlichen Diskurs hervorgerufen, der hier nur andeutungsweise wiedergegeben werden kann. Durch seine provokative Position waren andere Wissenschaftler gezwungen, ihren Standpunkt darzustellen. Ohne Huntington gäbe es also über die kommende Weltordnung keine derartige Debatte und somit auch deutlich weniger Lösungsvorschläge für den richtigen Weg in der Weltpolitik.93)

 

"Kampf der Kulturen" in der Weltpolitik?

Inwieweit es möglich und sinnvoll ist, die Theorie des "Kampfes der Kulturen" auf die aktuellen Ereignisse in der Weltpolitik anzuwenden und auf dieser Basis Handlungsorientierungen zu gebe, soll an drei Beispielen dargestellt werden.

a) Der Balkankonflikt94)

In seinem Buch führt Huntington vor allem den Balkankonflikt als Paradebeispiel für seine Theorie "Kampf der Kulturen" an. In einem Interview nennt er auch seine Gründe: "Jugoslawien war, genauso wie die frühere Sowjetunion, ein Staat, der verschiedene Kulturen in sich vereinte. Beide sind auseinandergebrochen, ziemlich genau entlang der kulturellen Grenzen, die das westliche Christentum auf der einen Seite vom orthodoxen Christentum und dem Islam auf der anderen Seite trennt. (...) Das, was wir zwischen den orthodoxen Serben, den bosnischen Muslimen und den katholischen Kroaten erlebt haben, ist in der Tat ein solcher Zusammenprall der Kulturen."95)

Die weitere Entwicklung auf dem Balkan scheint ihm recht zu geben. Denn das Friedensabkommen von Dayton 1995 setzte bei weitem keinen Schlussstrich unter die Balkanproblematik. Im Jahr 1999 kam es zur Eskalation des Kosovo-Konfliktes, der mit den Luftangriffen der NATO gewaltsam beendet wurde. Auch hier standen sich muslimische Albaner und orthodoxe Serben gegenüber. Ein "Kampf der Kulturen"? Serbenführer Milosevic wollte diesen Konflikt sicherlich so dargestellt wissen, indem er immer wieder die Bedeutung des Amselfeldes im Kosovo für die Serben herausstellte.96) Aber wie ist dann das Eingreifen der NATO als Verteidigungsbündnis des Westens zu verstehen, wurden doch mit dieser Intervention die Albaner vor den Serben geschützt?

Nur zwei Jahre später überträgt sich die Krise auf Mazedonien. Die Minderheit der Albaner will einen Autonomiestatus erreichen. Durch die Unterstützung internationaler Friedenstruppen konnte die Ausweitung des Konflikts verhindert und eine friedliche Lösung angestrebt werden. Stand nun auch dieses Land 2001 kurz vor einem Zusammenprall der Kulturen zwischen den muslimischen Albanern und den orthodoxen Mazedoniern?

Huntingtons Theorie greift hier sichtlich zu kurz. Die Ursachen dieser Kriege sind nämlich ein kompliziertes Geflecht von politischen, ökonomischen, sozialpsychologischen, ethnischen und religiösen Faktoren und lassen sich nicht auf den kulturellen Aspekt einengen.

 

b) Die NATO-Osterweiterung

Huntington veröffentlichte in "Foreign Affairs" auch einen Artikel über die NATO-Osterweiterung. Darin gibt er der NATO nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes eine ganz neue Daseinsberechtigung. Bündnispolitisch ist für Huntington wichtig, "dass die NATO nach dem Ende des Kalten Krieges die Sicherheitsorganisation der westlichen Zivilisation ist. Ihr wichtigster Daseinszweck ist die Verteidigung und Bewahrung dieser Zivilisation. Deshalb sollten Staaten, deren Geschichte, Religion und Kultur westlich ist, in die NATO aufgenommen werden, sofern sie dies wünschen. (...)"97)

Islamisch oder orthodox geprägten Staaten soll dagegen nach Huntingtons Ansicht der Weg in die NATO versperrt bleiben. Deswegen sieht er auch die NATO-Mitgliedschaften der Türkei und Griechenlands sehr kritisch und prognostiziert deren Bedeutungslosigkeit.

Huntingtons "Kampf der Kulturen" ist offenbar die Ideologie der NATO-Erweiterung. Innerhalb des eigenen Kulturkreises wäre also ein Zusammenrücken und gleichzeitig eine Abschottung gegenüber anderen Zivilisationen erforderlich. Aufgrund dieser Annahme sind im Osten der NATO-Vergrößerung klare Grenzen gesetzt. Rumänien, das als ein möglicher Kandidat der nächsten Erweiterung gehandelt wird, wäre damit als ein orthodoxer Staat wohl nicht aufnahmefähig. Doch im Rahmen der Terrorbekämpfung nach dem 11. September hat auch die NATO eine neue Zielrichtung von der USA zugewiesen bekommen: Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus. So bekommt auch die NATO-Osterweiterung ein ganz neues Gewicht.

Im November 2002 werden in Prag sieben bis neun neue Mitglieder in die NATO aufgenommen werden. Bei der Auswahl sind aber nicht die kulturellen Aspekte ausschlaggebend, sondern die militär-strategischen Überlegungen im Hinblick auf die Terrorismusbekämpfung.

Deshalb bahnt sich auch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Westen und Russland an, die am 28. Mai 2002 in Rom bereits vertraglich festgesetzt wurde. Die interkulturelle Kooperation zwischen dem orthodoxen Russland und der westlich NATO widerspricht geradezu der Theorie von Huntington.

Hier sieht man, dass in der aktuellen Weltpolitik der "Kampf der Kulturen", so wie von Huntington prognostiziert, nicht greifbar existiert.

 

c) Der 11. September und der Krieg in Afghanistan.

Als man am 11. September 2001 die Zwillingstürme des World Trade Center zusammenstürzen und das Pentagon brennen sah, rechneten viele mit einem großen Zusammenprall der Kultur des Westen und dem Islam. Die von Huntington 1996 vorhergesagte Konfliktsituation schien eingetreten zu sein. In seinem Buch behauptet er ja, dass nicht der Fundamentalismus das Problem des Westens sei, sondern der Islam an sich.

In einem Interview äußert sich Huntington aber nicht so wie man es erwarten könnte: "Wir dürfen hier nicht den Fehler machen und von einem Kampf der Kulturen sprechen. Damit würden wir Bin Ladin in die Hände spielen. Ein terroristisches, muslimisches Netzwerk ist im Krieg mit dem Westen (...)."98)

Und auf dem Kongress des Internationalen Public Relations Verbandes am 15. 10. 2001 stellte er fest: "Osama bin Ladin versucht, einen Zivilisationskrieg zwischen dem Islam und dem Westen herbeizuführen".99)

Befremdend wirkt die Aussage Huntingtons insofern, da er doch den zweiten Golfkrieg von 1991 sehr wohl als einen Beleg für den "Kampf der Kulturen" anführte, obwohl dieser ähnliche Vorraussetzungen mit sich brachte. Der Krieg im Irak fand gegen das Regime Husseins mit Unterstützung islamischer Staaten statt, genauso wie der Krieg in Afghanistan gegen das Regime der Taliban mit Hilfe der islamischen Nachbarn ausgefochten wurde.

Auch US-Präsident Bush sprach nach dem 11. September wohl unüberlegt von einem "Crusade" (Kreuzzug), versuchte dann aber doch sehr schnell, das Bild eines Zusammenpralls der Kulturen zu zerstreuen. Vor dem Einsatz der USA in Afghanistan gegen die Taliban sicherten sie sich mit einem internationalem Bündnis gegen den Terror, dem auch islamische Staaten wie Pakistan angehören, die Legimitation für diesen Krieg. Der Öffentlichkeit als "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" präsentiert, dient der Einsatz der amerikanischen Militärmacht aber in Wahrheit wohl auch der Ausweitung der amerikanischen Einflusssphäre nicht nur in Zentralasien und im Nahen Osten, sondern auch auf dem indischen Subkontinent und in Fernost.

Auf globaler Ebene werden alle Frustrationen dieser Welt auf die USA projiziert. Sie sind daher in einer schwierigen und wenig beneidenswerten Position. Sie haben weltweite Verpflichtungen und Interessen. Sie werden für vieles verantwortlich gemacht, was schief geht, entweder weil sie vermeintlich zu viel oder vermeintlich zuwenig getan haben. Ihnen wird natürlich auch die Misere der islamischen-arabischen Welt angelastet. Schon Chomeini hat die USA die "Welt-Arroganz" genannt. Ein Bericht, den arabische Wissenschaftler im Auftrag des UNO-Entwicklungsprogramms verfasst haben, zeigt aber auf, dass die soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklung der arabischen Gesellschaften vor allem aus inneren, selbstgemachten Gründen in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Weltregionen immer weiter zurückgefallen ist. Es wäre einfach kindisch, die zahlreichen negativen Entwicklungen in der arabisch-islamischen Welt den USA alleine zuzuschreiben.100)

Dem Dschihad des Usama bin Ladin, der nach allen Regeln des klassischen islamischen Rechts keiner ist, darf kein "Kreuzzug" gegenübergestellt werden, weil es hier nicht um die Vernichtung "des Bösen" geht. Eine Untat muss gesühnt werden; irregeleiteten Hirnen müssen die Grenzen ihres Tun’s aufgezeigt werden. Dies muss aber mit jener Nüchternheit, Nachvollziehbarkeit und Angemessenheit geschehen, die der Verbrechensbekämpfung in westlichen Demokratien eigen ist. Nicht nachvollziehbare Gewalt und eine manichäische Deutung des Geschehens spielen den Gewalttätern in die Hände; ist es doch nicht die letzte ihrer Intentionen, eine Reaktion des Westens zu provozieren, die den Graben vertieft. Die Täter nicht zu Opfern machen, aber sie auch nicht dämonisieren. Das wäre die negative Lehre der Katastrophe vom 11. September.

Es gilt also festzuhalten: Die These von Huntington trifft hier einfach nicht zu. Wir haben es mit einem Kampf zwischen fundamentalistischen Minderheiten und einer demokratischen Mehrheit zu tun, zwischen offener Gesellschaft und kleinen, geschlossen Gemeinschaften. Deshalb kann man hier auch den US-Kommunitarismus kritisieren: Er feiert die geschlossene Kultur von Gemeinschaften. Und es stimmt: Je geschlossener eine Gemeinschaft, umso besser funktioniert sie – als Gemeinschaft. Der Ku-Klux-Klan ist als Gemeinschaft perfekt: Gemeinsame Geschichte, geteilte Tradition, alles, was die Kommunitaristen wollen. Aber für die moderne Gesellschaft ist das keine Alternative. Gemeinsinn ist wichtig, aber er wird durch Rechstaatlichkeit und aktives Bürgerengagement begründet, nicht durch Tradition und historische "Wurzeln". Wenn wir mit "Zivilisation" diese moderne, demokratische Gesellschaft meinen, ist das in Ordnung. Aber dann gibt es eben auch nur eine einzige, potentiell universale Zivilisation – und nicht mehrere Zivilisationen. Deshalb muss man die Vorstellung vom "Kampf der Kulturen" kritisieren.

Fazit der Huntington-Debatte: Es lassen sich Widersprüche erkennen, die deutlich machen, dass Huntingtons Theorie intellektuell zwar sehr anregend aber eben auch sehr widersprüchlich ist. Die wissenschaftliche Feinabstimmung wurde indessen – in der Öffentlichkeit vor allem in Europa kaum wahrgenommen - von anderen vorgenommen: Aufbauend auf Huntingtons Überlegungen publizierten die Journalisten Ian Buruma und der israelische Philosoph Avishai Margalit in der New York Review of Books, einem Forum für die Vordenker der amerikanischen Regierungspolitik, einen Aufsatz mit dem Titel "Occidentalism".101)

Der Neologismus "Occidentalism" bezeichnet das Gegenstück zu Edward Saids "Orientalism".102) Said hatte die westlichen Vorurteile gegenüber allem "Östlichen" im Sinn. Parallel dazu beziehen Buruma und Margalit jetzt den Ausdruck "Okzidentalismus" auf die "Feinde des Westens". Mit dem japanischen Totalitarismus beginnt es und endet beim islamischen Fundamentalismus. "Okzidentalismus" hat den Vorzug der Flexibilität: Nicht der Islam als solcher, sondern lediglich jene Muslime, die den Westen ablehnen, sind damit gemeint. De facto läuft das auf eine diplomatisch frisierte Variante von Huntingtons These hinaus. Damit Washington garantiert versteht, was es mit "Occidentalism" auf sich hat, kommen die Autoren am Ende auch auf die Möglichkeit einer "islamischen Revolution" zu sprechen. Damit hätte die revolutionäre Sowjetunion endlich ihren Nachfolger gefunden.

Im Grunde genommen vertreten Wissenschaftler wie Huntington den gleichen Standpunkt wie diejenigen, die sie als die Feinde des Westens bezeichnen: die Islamisten, die Vertreter eines puristischen, konsequent politischen Verständnisses des Islam. Auch sie glauben genau definieren zu können, was islamisch ist und was nicht; auch sie halten den Islam für ein allumfassendes System, das unabhängig von Zeit und Raum Gültigkeit hat. Der zum Dogma erhobene Grundsatz, Religion und Politik gehörten im Islam zwangsläufig zusammen, stammt ebenfalls von ihnen. Die Islamisten haben es geschafft, im Westen als die eigentlichen Vertreter des Islam angesehen zu werden – obwohl sie nur eine bestimmte politische Ideologie vertreten, die zudem weniger als ein Jahrhundert alt ist.103)

Wie aber ist dann "der Islam" zu verstehen wenn nicht so, wie ihn die Islamisten oder Wissenschaftler wie Huntington definieren? Bei einem Blick auf die konkrete Lebenswelt von Muslimen lässt sich feststellen, dass es den einheitlichen Islam, wie ihn die Islamisten propagieren, in der Realität nicht gibt. Vielmehr passen sich Muslime bislang meist den jeweiligen Bedingungen an, die sie vorfinden. So leben in Europa mehrere Millionen Muslime. Sie sind gegenüber den Nichtmuslimen deutlich in der Minderheit, und die staatlichen Systeme in denen sie leben, sind keine islamischen Staaten. Muslime als Minderheit sind aber im klassischen islamischen Recht gar nicht vorgesehen.

Folgt man der im Mittelalter entwickelten Theorie der Teilung der Welt in dar al-islam (Haus des Islam), in dem Muslime herrschen und das Gesetz des Islam gilt, und dar al-harb (Haus des Krieges104)), das sich über den Rest der Welt erstreckt, wäre nur ein befristeter Aufenthalt vertretbar; sie sollten in einem solchen Fall entweder auf die Islamisierung der Mehrheitsgesellschaft hinarbeiten, oder, wenn sie daran scheitern, in das dar al-islam, das "Haus des Islam" zurückkehren. Anders formuliert: Zwischen beiden Welten herrscht ein von Recht und Religion vorgeschriebener Kriegszustand, der erst mit dem endgültigen und unvermeidbaren Sieg des Islam über den Unglauben aufgehoben wird. So ergänzen sich individuelle "Anstrengung" (Dschihad) und kollektiver "heiliger Krieg". Spätere Rechtsgelehrte argumentierten aber von einer Dreiteilung der Welt: "Haus des Islam", "Haus des Krieges" und bewertungsmäßig dazwischen das "Haus des Friedens" (dar al-sulh) bzw. das "Haus des Vertrages" (dar al-ahd), das zwar ebenfalls von Nichtmuslimen regiert wird, das aber den Islam toleriert.

Demnach sei ein Land "Islam-freundlich", und somit ein dauerhafter Verbleib möglich, sobald Muslime ihr Freitagsgebet ungehindert verrichten und ihre Feste unbehelligt feiern dürfen. Die meisten Muslime rechnen heute Deutschland zu dieser dritten Kategorie. Es genügt ihnen, dass sie hier unbehelligt in einem Land leben können, in dem sie frei ihre Religion praktizieren und missionarisch tätig sein dürfen. Nur sehr wenige der hiesigen Muslime betrachten Deutschland noch als "islam-feindliches" Gebiet, in dem man sich eigentlich gar nicht aufhalten darf.

"Wo einem Muslim die Rechtssicherheit nicht versagt wird, handelt es sich nicht um ein Gebiet der Ungläubigen". Dieser Satz stammt von dem Juristen Kasani (gestorben 1191)105), doch ein Leben außerhalb der islamischen Welt gilt auch heute vielen Muslimen noch als eine Anomalie, die am besten auf temporäre Handelsgeschäfte, Studium und politische Missionen einzuschränken sei.. Die überwiegende Mehrheit der europäischen Muslime arrangiert sich mit ihrer Minderheitensituation. Viele von ihnen nehmen sogar aktiv am demokratischen Leben der jeweiligen Länder teil und fühlen sich dennoch als ebenso gute Muslime wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern in einem islamischen Land. Zwar gibt es in Europa extremistische Organisationen, die von der Weltherrschaft des Islam träumen mögen. Ihre Anhängerschaft ist aber vergleichsweise gering. Laut einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudien in Essen fühlen sich jedenfalls rund 70 Prozent der türkischen Muslime in Deutschland zuhause.106)

Wie steht es nun wirklich mit dem "Kampf der Kulturen" zwischen dem Westen und dem Islam? Ist er tatsächlich unausweichlich oder existiert er so überhaupt nicht? Um diesen Fragen nachgehen zu können, ist zunächst ein Beschreibung der Kultur und Religion des Islam notwendig, denn kaum eine Kultur hat so sehr mit Klischees zu kämpfen wie der Islam.

 

Der Islam und der Westen

Spätestens seit den blutigen Attentaten vom 11. September 2001 in New York und Washington, ist die Frage laut geworden, inwieweit diese Ereignisse mit dem Islam verbunden sind, besser mit dem Islamismus. Islam ist nicht gleich Islam, Islam ist nicht identisch mit Islamismus, und Islamismus steht nicht notwendigerweise für Gewalt, von Terror ganz zu schweigen: Das ist mittlerweile schon fast Gemeingut – die Orientierung aber fällt schwer. Das gilt besonders für den Islamismus, der sich von Marokko bis Malaysia in den unterschiedlichsten Formen zeigt, hier die Einführung der Scharia fordert, dort den Kampf gegen den Westen propagiert, da karitative Einrichtungen unterhält, dort Schriftstellern das Wort verbieten will oder sogar zur Tötung von Salman Rushdie auffordert. Nicht umsonst ist am Islamismus, von seiner religionsgeschichtlichen Einordnung bis zu seiner polischen Bewertung, fast alles umstritten.

Es beginnt mit der angemessenen Bezeichnung: In der öffentlichen Diskussion hat sich der Begriff "islamischer Fundamentalismus" eingebürgert, der aber negativ belegt ist und daher von vielen Muslimen und noch mehr Islamwissenschaftlern abgelehnt wird. Fundamentalisten sind nach allgemeinen Verständnis schriftgläubig, fanatisch und gewalttätig. Dieser Typus findet sich auch unter Muslimen. Die afghanischen Taliban und die algerischen Bewaffneten Islamischen Gruppen passen hier bestens ins Schema, aber sie machen nur einen Bruchteil einer breiten und recht heterogenen Strömung aus.

Besser ist die Bezeichnung "Islamismus"107), weil sie das zentrale Anliegen der "Islamisten" zum Ausdruck bringt: Den Islam – so wie sie ihn verstehen – zur Grundlage und Richtschnur allen Denkens und Handelns zu machen und auf diese Weise individuelles Verhalten und öffentliche Ordnung, Wirtschaft, Recht, Politik und Kultur allein auf den Islam zu gründen.

Der Islam, so lautet ihre Überzeugung, bietet für alle Aspekte des privaten und des öffentlichen Lebens nicht nur moralische Maßstäbe, sondern konkrete Handlungsanweisungen, die sich aus seinen normativen Texten – dem Koran als unmittelbares Gotteswort und der Sunna des Propheten Mohammed – klar und eindeutig ableiten lassen.

Mit dieser Überzeugung stehen sie nicht völlig allein. Einer bekannten Formel zufolge ist der Islam "Religion und Staat" oder, etwas allgemeiner formuliert, "Religion und Welt". Kein Lebensbereich kann sich seiner Geltungskraft entziehen. So sehen es nicht nur Islamisten, sondern auch kritische Beobachter, die das islamistische Credo nicht teilen. Tatsächlich hat die islamische Welt keine Aufklärung erlebt und sich nur in Teilbereichen säkularisiert, ohne dabei – von wenigen Ausnahmen wie der Türkei abgesehen – das Prinzip des Säkularismus bewusst zu bejahen und in Recht und Verfassung zu verankern.

Formuliert man das zentrale Anliegen ganz allgemein als die Verwirklichung einer "islamischen Ordnung", die in einer Situation offenkundiger Schwäche Einheit, Stärke und Gerechtigkeit schaffen soll, versteht man leichter, warum sich Menschen quer durch alle Schichten vom Islamismus angezogen fühlen, und zwar Frauen nicht weniger als Männer. Allerdings wird nicht auf Anhieb klar, wo der Unterschied zwischen Islamisten und "normalen" Muslimen liegt, die ja auch Koran und Sunna als Fundament des eigenen Glaubens betrachten und im Allgemeinen ebenfalls bemüht sind, ihr Verhalten an islamischen Werten auszurichten. Tatsächlich ist die Grenze nicht leicht zu ziehen. Das macht die Einordnung des Islamismus ja so schwierig, zumal er sich nicht, wie vielfach geglaubt, auf politische Oppositionsparteien beschränkt. Das Verhältnis zu Politik und Recht gibt allerdings Hinweise auf die Existenz spezifisch islamistischer Überzeugungen.

Islamisten sehen Religion, Recht und Politik als Einheit und wollen, dass zumindest in ihren eigenen Gesellschaften das private wie das öffentliche Leben ausschließlich auf islamischen Normen und Werten beruhen soll. Die Kurzformel hierfür lautet "Anwendung der Scharia", das heißt Durchsetzung der aus Koran und Sunna abgeleiteten islamischen Rechts- und Werteordnung. Sie umfasst nicht nur gesetzliche Regelungen, die das Familien-, Erb- oder Strafrecht betreffen, sondern soll auch ganz alltägliche Errichtungen von der Hygiene bis zur Kleidung gestalten. Während nun die Muslime in ihrer Mehrheit die Gültigkeit "islamischer Werte" nicht in Frage stellen, wollen sie doch nicht, dass die Bestimmungen des islamischen Rechts ohne weiteres auf die Gegenwart angewandt werden und Rechts- und Religionsgelehrte – von den Führern islamistischer Bewegungen ganz zu schweigen – über die gesellschaftliche und politische Ordnung ihres eigenen Landes entscheiden. Die meisten wünschen sich ein auf islamische Werte gegründete Gesellschaft, aber keinen "islamischen Staat", nach dem Muster Irans, Saudi-Arabiens oder gar Afghanistans.

Das Verhältnis zur Gewalt eignet sich besser dazu, Grenzen zu ziehen, und zwar nicht nur zwischen Islamisten und "normalen" Muslimen, sondern innerhalb der islamistischen Strömung selbst: Die Islamisten wollen den islamischen Staat, der die Scharia "anwendet". Die meisten aber möchten ihn ohne Gewaltanwendung durchsetzen, sei es, dass sie den Islam als Religion des Friedens verstehen (auf die sprachliche Verwandtschaft der Wörter "Islam" und "Frieden", arabisch salam, wird gern verwiesen) und Gewalt grundsätzlich als islam-widrig ablehnen, sei es, dass sie angesichts eigener Erfahrungen Gewaltanwendungen als schädlich, wenn nicht selbstzerstörerisch betrachten, also eher pragmatisch argumentieren. Die ägyptischen Muslimbruderschaft beispielweise, die in den 50er Jahren gegen das nasseristische Regime den Dschihad führte, verurteilt mittlerweile den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung des Islam bzw. des eigenen Islamverständnisses. Ähnliches gilt für die Muslimbruderschaft in Syrien oder die Islamische Heilsfront in Algerien, die in der Konfrontation mit einer überlegenen Staatsmacht gleichfalls unterlagen.

Nimmt man eine Gleichsetzung von "Islam" mit "Scharia" an, sind alle Handlungen der Menschen in den fünf Kategorien: erlaubt, empfohlen, gleichgültig, abzuraten, verboten, sehr genau klassifiziert. Und diese Regeln genießen das Prestige einer Abstützung auf die heiligen Schriften und eine lange und große Vergangenheit. Aus diesem Grund fällt es den Islamisten in der Opposition leicht, ihren Gefolgsleuten und sich selbst zu versichern, dass sie genau wüssten, was falsch und was richtig sei.

Sobald Islamisten jedoch an die Macht gelangen, wird die unbedingte Hinnahme der Scharia als "Rechtleitung" zur Schwäche. In manchen Fällen sind sie gezwungen, formale Ausflüchte zu finden, um das Religionsgesetz zu umgehen und ihm doch pro forma Folge zu leisten. In anderen bindet das Gottesgesetz das Leben der Familien und der Gesellschaften sowie auch ihren geistigen Horizont in verhärtete Strukturen ein, die es den Isalmisten und der von ihnen beherrschten Bevölkerung nicht erlauben, ein modernes Staatswesen aufzubauen.

Wie der Iran zeigt, können islamistische Machthaber eine Scheindemokratie zulassen. Sie sehen sich jedoch offenbar nicht in der Lage, die Politik tatsächlich für Oppositionsströmungen zu öffnen, die sie als "unislamisch" ansehen. Sie glauben Opposition gegen "den Islam" (so wie sie ihn verstehen) verbieten zu müssen, oder sie fürchten ganz einfach, andere politische Richtungen können ihre Macht, die sie naiv als die Macht "des Islams" auffassen, untergraben und damit "den Islam" zu Fall bringen. Für das Informationswesen, ja für das gesamte Geistesleben, gelten ähnlich enge Grenzen. Solange die Scharia als "der Islam" aufgefasst wird und daher uneingeschränkt und konkurrenzlos herrschen muss, kann es keine Gedankenfreiheit geben. Doch all dies sind, um es zu wiederholen, Gefahren, die der Islamismus für seine eigenen Staaten darstellt, nicht für die Außenwelt.

Man kann sich allerdings Situationen vorstellen, in denen ein solcher "Scharia-Staat" gerade darum nach außen hin gefährlich werden könnte, weil er im Inneren keine Erfolg hat. Der Iran hat schon einmal einen äußeren Krieg, jenen, den der Irak 1980 begonnen hatte, ausgenützt und dann länger als nötig (bis 1988) weitergeführt, weil die Machthaber sich davon eine Einigung des Landes und einen Durchbruch nach außen erhofften, der dann aber nicht eintrat.

Die Versuchung, durch äußere Abenteuer von innerer Unzufriedenheit über nicht endende Missstände abzulenken, besteht wohl immer. Sie wächst, je deutlicher den Herrschenden wird, dass sie das versprochene Ziel einer mächtigen, wohlhabenden und angesehenen Nation nicht erreichen. Solche Ablenkungsaktivitäten könnten leicht die Form von Terroraktionen annehmen, die sich gegen den westlichen Feind und Rivalen richten.

Anders formuliert: angesichts eines übermächtigen Feindes (die herrschenden Regime, "die Juden", "der Westen" oder eine unheilige Allianz dieser drei) kann nur der bewaffnete Kampf der heiligen Sache zum Durchbruch verhelfen, weil der Gegner jede friedliche Offensive vereiteln kann und wird. Der Dschihad ist dann für diese radikale Minderheit legitim, unausweichlich und per definitionem defensiv: Die Muslime befinden sich gewissermaßen im Belagerungszustand; sie haben nicht das das Recht, sondern die Pflicht, sich mit der Waffe zu verteidigen. So argumentiert Usama bin Ladin, der zum Dschihad gegen die Feinde des Islam aufgerufen hat.108) Die Propagandisten des bewaffneten Dschihads aber, die mit Blick auf das große Ziel auch den Tod von Zivilisten, Frauen und Kindern in Kauf zu nehmen bereit sind, vertreten selbst innerhalb der islamistischen Strömung eine Minderheit, wenn auch eine hoch motivierte und gut organisierte.

Islamismus hat viel mit der Abwehr fremder, namentlich westlicher Mächte und Ideen zu tun und noch mehr mit der Abwehr westlicher Dominanz. Er gilt allgemein als Protestbewegung einer nach Orientierung, Sinn und Selbstachtung strebenden Jugend und gegen soziale Ungerechtigkeit, kulturelle Entfremdung und kollektive Ohnmacht, die in letzter Konsequenz auf das Wirken islam-feindlicher Kräfte zurückgeführt werden. Das Streben nach Wahrung oder Widergewinnung einer eigenständigen, islamisch bestimmten Identität spielte und spielt in diesem Zusammenhang über die Zeiten des anti-kolonialen Befreiungskampfes hinweg eine tragende Rolle. Unter diesem Vorzeichen steht auch die Auseinandersetzung um den Schleier, den die einen als Symbol islamischer "Authentizität" verteidigen, die anderen als Zeichen spezifisch islamischer patriarchaler Gewaltverhältnisse ablehnen.

Aber der Islamismus erschöpft sich nicht im Kampf gegen den Westen und er beschränkt sich nicht auf die junge Generation. Zwar kommt die Bedrohung aus islamistischer Sicht noch immer von außen: Die "intellektuelle Aggression" des Westens, das neue "Kreuzfahrertum", mit dem er seine Werte von der liberalen Marktwirtschaft bis zu Emanzipation der Frau durchzusetzen versucht, beraubt die Muslime ihrer "Werte" und macht sie zu willfährigen Nachahmern unislamischer Denk- und Lebensformen. Aber die Kritik der Islamisten richtet sich zugleich gegen die eigenen Eliten, die nach Erlangung der Unabhängigkeit an die Macht kamen. Sie sind, so lautet ihr Vorwurf, auf ganzer Linie gescheitert.

"Der Islam ist die Lösung" lautet demgegenüber das Motto der Islamisten, mit dem sie gegen ihre Kritiker und Gegner mobil machen. Um die geistig-moralische Wende zu bewirken, die allein aus der allgemeinen Misere führt, muss der Islam allerdings – und in diesem Punkt erweisen sich die heutigen Islamisten als Erben der Reformbewegung des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts – zunächst von Verfälschungen und "unzulässigen" Neuerungen gereinigt werden, die ihn im Laufe der Jahrhunderte verformt und entstellt haben. Der reformierte Islam wird in der Gemeinschaft der Muslime den Geist der Frühzeit wieder erstehen lassen, in der sie, vom Glauben beseelt, stark, einig und unwiderstehlich war, und ihr die Vorrangstellung in der Welt zurückgeben, die sie über Jahrhunderte innehatte. Es ist diese Verbindung von moralischem und politischem Appell, das Versprechen individueller Erfüllung und kollektiver Befreiung, die den Islamismus für viele so anziehend macht, gerade unter den Gebildeten und selbst unter den Besitzenden, und zwar, um es zu wiederholen, Männer wie Frauen.

Der Islamismus bildet im Nahen und Mittleren Osten eine breite Strömung, die bis in die Mitte der Gesellschaft reicht und sich keineswegs, wie oft angenommen, auf eine marginalisierte, chancenlose und frustrierte Jugend beschränkt. Zu den Islamisten zählen gut situierte Akademiker, Intellektuelle, Richter, Ärzte, Unternehmer und Gewerkschaftler, Vertreter des Staatsapparates ebenso wie der Zivilgesellschaft, Sie sind besonders sichtbar und artikuliert, und das hat sie seit den 70er Jahren zur tonangebenden Kraft gemacht, die alle andern Stimmen übertönt oder gänzlich verstimmen lässt. Wer den Islamismus als bloßen "Missbrauch der Religion" abtut und die Islamisten allein als Sprecher der Elenden und Unterdrückten wahrnimmt, macht es sich zu leicht. Aber sie stellen nicht die Mehrheit in ihren Gesellschaften und sie vertreten auch nicht den Islam.

Die westlichen Länder sind daher gut beraten, die Entwicklungen in der islamischen Welt und unter den Muslimen im eigenen Land wachsam zu verfolgen, die verschiedenen Positionen in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und sich zu fragen, wie sie wirksam selbst eine Kurskorrektur vornehmen können, um die negativen Nebenwirkungen des modernen Entwicklungskonzeptes abzubauen bzw. zu verhindern. Kooperation und Dialog sind folglich angesagt und nicht die Konfrontation im Sinne eines Westens, der gegen den Rest der Welt steht. Die einzig reale Alternative besteht - wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen - darin, unter Wahrung religiöser, ethnischer und kultureller Identitäten zu lernen, miteinander zu leben. Die überwiegende Mehrzahl der Muslime ist dazu ohne Wenn und Aber bereit, wenn sie nicht – wie so oft in den letzten zweihundert Jahren – den Eindruck haben muss, dass all dies lediglich der Versuch sei, sie auf neue Weise kulturell, sozial, wirtschaftlich und politisch abhängig zu machen. Ob diese Zukunftsaufgabe zum Wohl aller bewältigt werden kann, ist eine offene Frage.

Fazit: Huntingtons Irrtum

Der Marxismus war eine Geschichtslüge, die nur unter hohen menschlichen Kosten wiederlegt werden konnte. Inzwischen ist man offensichtlich auf der Suche nach einer neuen Lüge, die seinen Platz einnehmen könnte. Regierungen und Individuen brauchen Geschichtslügen – freundlicher ausgedrückt: konstruktive Übervereinfachungen - weil sie die Geschichte verständlich machen und einen Ausblick auf die Zukunft zu liefern scheinen.

Natürlich kann man Geschichte interpretieren, aber der Versuch einer allgemeinen Erklärung für Ereignisse der Vergangenheit und Gegenwart, die eine wissenschaftliche Einsicht in die Zukunft liefern könnte, wie das der Marxismus in Anspruch nahm, stößt auf wohlbekannte Hindernisse – unter anderem die Zunahme des Wissens, wie der politische Philosoph Karl Popper vor vierzig Jahren beobachtete: "Wir können nicht heute vorwegnehmen, was wir erst morgen wissen werden".109) Genaugenommen sind Geschichte und Politik durch diese Faktoren dem Bereich wissenschaftlicher Erkenntnis entzogen.

Über Geschichte und Politik lässt sich viel sagen, was sowohl die Realität als auch die zukünftigen Möglichkeiten erhellt, aber das sind keine "wissenschaftlichen" Aussagen. Sie fallen in den Bereich des verständigen Urteils, stützen sich auf Wissen und Erfahrung und haben häufig mehr mit ästhetischer Wahrnehmung zu tun als mit wissenschaftlicher Ableitung. Bei ihnen bleibt immer ein Rest von Unsicherheit. Für eine wissenschaftliche Aussage gilt das normalerweise nicht. Die Gleichung E = mc2 bedarf keiner weiteren Erläuterung und erlaubt keine Modifikation.

Unter denen, die sich in den letzten fünfzig Jahren in Amerika mit politischen Untersuchungen auseinander setzten, haben sich dennoch viele darum bemüht, eine Wissenschaft der Politik zu begründen. Das akademische Studium der Politik durchlief in den fünfziger Jahren eine Wandlung zum Behaviorismus110), in dem irregeleiteten Bemühen, sich die Glaubwürdigkeit der "harten" Wissenschaft zu verschaffen; es folgte der Versuch, sich am Modell der Ökonomie zu orientieren. Eine ältere Tradition des politischen Denkens, die in der Philosophie, dem Studium der Institutionen und der Geschichte und Ideengeschichte verwurzelt war, geriet in Vergessenheit, obwohl zu ihren größten Vertretern, Aristoteles, Macchiaveli, Hobbes, Tocqueville, Marx und andere gehörten; man könnte aus unserer Zeit auch noch die Namen George Kennan111), Hannah Arendt112), Raymond Aron113) und John Lukacs114) nennen.

Diese Abkehr von der Tradition der Geisteswissenschaften hatte ihren Grund vermutlich in der Tatsache, dass an amerikanischen Universitäten in den fünfziger Jahren die exakten Wissenschaften ein relativ größeres Prestige genossen als die Geisteswissenschaften. Für Intellektuelle abseits der Universitäten bleibt das eine kuriose Episode, die allerdings beklagenswerte Konsequenzen hatte. In den fünfziger und sechziger Jahren brachten der Behaviroismus und die Nachbildungen der ökonomischen Analyse – zusammen mit der Anwendung von Ingenieurtechniken wie der Systemanalyse auf politische und strategische Untersuchungen – nicht nur mathematische Modelle hervor, die für sich die Darstellung politischer System und Verhaltenweisen in Anspruch nahmen, sondern auch allgemein Theorien "rationaler" politischer Motivierung, in denen sich internationale "Akteure" bemühen, Gewinne zu maximieren und Verluste zu minimieren. Man ging davon aus, man könne menschliche Motivationen praktisch auf Gewinn- und Verlustrechnungen reduzieren, und es gebe den "politischen Menschen" ebenso wie den "ökonomischen Menschen". Im Normalfall schließ diese Analyse die Wirkungen von Gefühl, Vorurteil, Perversion, Altruismus, Ethik, Religion, Ideologie oder kulturellen Werten als buchstäblich unberechenbar aus.

Die politischen Schlussfolgerungen aus diesem Unternehmen, einschließlich der Militärdoktrinen vom begrenzten Konflikt und der kalkulierten Reaktion, mit Stufen der Eskalation, alternativen Szenarios und anderen analytischen Überlegungen fanden in der Praxis Anwendung bei der Ausarbeitung der Atomstrategie im Kalten Krieg, der Führung des Vietnam-Krieges und anderen strategischen und politischen Problemen.115)

Kulturelle und historische Faktoren waren aus diesen Modellen und Analysen fast unweigerlich ausgeschlossen – nicht nur, weil sie sich im Normalfall nicht quantifizieren lassen, sondern auch, weil die Menschen, die sich mit dieser neuen Art politischer Studien anfreundeten, gewöhnlich kein Interesse für Kultur und Politik zeigten. Unmittelbare Kenntnisse fremder Gesellschaften galten allgemein als verzichtbar, als "weiches" Wissen, als "anekdotisch" und daher unverwendbar für die vorgeblich wissenschaftliche Untersuchung. Die Praktiker der neuen politischen Wissenschaften interessierten sich gewöhnlich vor allem für die methodologischen Schwierigkeiten – und für den Zugang zu politischem Einfluss und Regierungsunterstützung, den die neuen Techniken verschafften.116)

Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden und werden häufig in Tabellen und quantifizierbaren Aussagen dargeboten, obwohl die Mengenangaben gewöhnlich keine objektiv gemessenen Phänomene wiedergeben, sondern einer mehr oder weniger willkürlichen Zuordnung numerischer Werte zu Aspekten politischen Verhaltens oder sozialer Phänomene huldigen. Dies ist einer der umstrittensten Aspekte der neuen politischen Wissenschaft. Professor Samuel P. Huntington von der Harvard University, ehemaliger Präsident der America Political Science Association und Direktor der Sicherheitsplanung für den Nationalen Sicherheitsrat unter Präsident Carter, wurde zweimal – 1986 und 1987 – nicht in die Nationale Akademie der Wissenschaften aufgenommen, weil mehr als ein Drittel der Mitglieder dieser Institution sich nicht damit anfreunden konnten, dass er in mathematischer Darstellung als scheinbar objektive wissenschaftliche Befunde dargeboten hatte, was sie für bloße politische Annahmen oder Meinungen hielten.

Dass diese Art politischer Wissenschaft dennoch ein Erfolg war, liegt darin begründet, dass ihr Produkt den Regierungsbürokratien genehm ist. In den sechziger Jahren sagte der inzwischen verstorbene Zukunftsforscher Herman Kahn, er wolle zwar gerne einräumen, dass sich andere politische Urteile als besser erwiesen hätten, als die seinen – sie seien aber nutzlos für ihn als Betreiber des Hudson Institute, einer Institution für strategische und politische Analysen, denn er könne keine Verträge für Untersuchungen bekommen, die von der Fähigkeit eines Individuums abhingen, "eine Musik zu hören, die andere Menschen nicht hören können".117)

Natürlich hatte er recht. Seine Auftraggeber waren offizielle Körperschaften, gewöhnlich von Leuten geleitet, die in der Regel nur sehr wenig von den Themen wussten, mit denen sie zu tun hatten. Die Regierungsnachfragen nach politischen Analysen, insbesondere im Pentagon, dem wichtigsten Klienten in den USA, wird von Menschen geprägt, die ihre Ausbildung in der Technik oder den Naturwissenschaften erhielten und ihre analytischen Konzepte, durchaus verständlich, aus diesen Disziplinen beziehen.

Sie wollen "harte", objektiv kommunikable, mathematisch oder experimentell untermauerte Analysen. Sie wollen quantifizierte Schlussfolgerungen, weil sie Zahlen für objektiv und verlässlich halten. 1967 ließ der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara den stellvertretenden CIA-Chef für verdeckte Operationen, Desmond Fitz Gerald, nicht mehr an den Lagebesprechungen des Pentagons zu Vietnam teilnehmen, weil Fitz Gerald einmal geäußert hatte, er habe – trotz all der von militärischen Analytikern und politischen Wissenschaftlern zusammengetragenen Statistiken, die deutlich bewiesen, dass die USA den Krieg gewannen – "einfach einen Instinkt, ein Gefühl", dass es schlecht laufe. McNamara ließ sich nur auf "Tatsachen" ein.118)

Das Ergebnis ist eine Form der Politikanalyse, in der spezifische Kenntnisse über ein Thema sogar als Nachteil betrachtet werden können, weil sie die vorgeblich wissenschaftliche Objektivität der Analyse verzerren könnten. Um Objektivität zu demonstrieren, muss die gesamte vorstellbare Bandbreite der Möglichkeiten dargestellt werden, als seien alle gleichermaßen möglich, oder als wären sie lediglich durch materielle Faktoren begrenzt. Der strategische Analytiker brauchte keine Kenntnisse von der Sowjetunion, um behaupten zu können, ihre Regierung "könnte" irgendetwas tun, wozu sie die materielle Möglichkeit besaß, und dementsprechende "Szenarien" zukünftigen sowjetischen Verhaltens zu verfassen. Er hielt es für seine Pflicht, alle derartigen Möglichkeiten zu berücksichtigen. So kam es zur Produktion extravaganter Szenarien von exotischen politischen Bedrohungen und "möglichen Kriegen". Wollte ein Kenner der sowjetischen Gesellschaft oder der russischen Geschichte einige dieser Szenarien als in sich absurd und als Zeitverschwendung ausschießen, teilte man ihm wahrscheinlich mit, das sei ein Vorurteil oder "Theologie". Die Einwände ließen sich nicht objektiv belegen.

Damals wie heute stand der Bürokrat oder Politiker auch unter dem Druck aktueller Krisen und politischer Interessen. Er besitzt weder die professionelle Motivation noch die Fundierung, um sich mit Themen zu befassen, die nicht gerade in den Nachrichten auftauchen oder dem derzeit modischen Erkenntnisfundus angehören. Wer als Analytiker Mitte der siebziger Jahre beispielsweise vorgeschlagen hätte, eine Studie über das Wachstum des islamischen Fundamentalismus und die Schwachpunkte in der Position des Schah anzufertigen, oder Mitte der achtziger Jahr die Problem zu prüfen, die sich aus einem Zusammenbruch des Kommunismus ergäben, hätte zu hören bekommen, er verschwende damit die Zeit und das Geld der Regierung (oder politischer Stiftungen). Allgemeine Theorien zu einem modischen Thema dagegen konnten immer ohne große Schwierigkeiten mit Unterstützung rechnen.119)

Die ausschweifende Realität menschlicher Angelegenheiten beleidigt den Bürokraten und Politikberater, weil sie nicht nur das Verständnis erschwert, sondern auch dem Handeln Hindernisse in den Weg legt. Die Politik einer Nation bedarf eines intellektuellen Grundprinzips. Deshalb muss die Realität konzeptionell übervereinfacht werden, wenn sie nützlich sein soll. Ohne "vereinfachte Bilder der Realität", schreib Huntington, gebe es nur "ein einziges schauerliches Durcheinander".

Damit entsteht aber die Tendenz, den scheinbar wissenschaftlichen Apparat der politischen Wissenschaft zur Untermauerung gewaltiger allgemeiner Behauptungen einzusetzen, wie zum Beispiel in der These der siebziger und achtziger Jahre, die Demokratie sei schwach oder scheitere in ihrer Konkurrenz mit den totalitären Systemen (ein Thema, das Huntington 1975 in einem Papier der Trilateralen Kommission entwickelte), wie auch in der Behauptung von 1989, Kapitalismus und Demokratie seien unauflöslich verbunden, würden die Welt erobern und Geschichte damit "beenden".

Samuel P. Huntington liefert nun das neustes dieser "vereinfachten Bilder der Realität" mit seiner Argumentation, wir hätten jetzt die Ära der Kriege der Religionen und Nationalstaaten hinter uns. Ihm zufolge sind wir also in eine neue Phase der Geschichte eingetreten, gekennzeichnet durch den "Zusammenprall der Zivilisationen". 1993 schreib er in dem Artikel in Foreign Affairs, "der nächste Weltkrieg, wenn es denn einen gibt", werde "ein Krieg zwischen Zivilisationen sein".

Er hat diese Argumentation in seinem Buch aus dem Jahr 1996 "Kampf der Kulturen" weiter ausgeführt, in dem er eine breite Erörterung der neueren und gegenwärtigen politischen Entwicklungen wie auch einen umfangreichen Apparat an Zitaten, Überblicken und Tabellen geliefert hat. Damit ist eine einfache These zu einer komplizierten geworden, ja, er untergräbt sogar fast seine ursprüngliche Argumentation, weil deutlich wird, wie viele Ausnahmen berücksichtigt oder wegerklärt werden müssen.

Huntingtons These liefert eine plausible allgemeine Erklärung für viele Ereignisse auf dieser Welt und rationalisiert die Ängste der Amerikaner und anderer angesichts des islamischen Fundamentalismus und des Aufstiegs nicht nur der asiatischen Wirtschaftsmacht, sondern auch der Verknüpfung dieser Macht mit "asiatischen Werten", die westlichen Werten entgegenstehen. Er behauptet, "ein zentraler Brennpunkt des Konflikts in unmittelbarer Zukunft" werde die Konfrontation zwischen dem Westen und "mehreren islamisch-konfuzianischen Staaten" sein. Damit meint er ein praktisches Bündnis zwischen aggressiven islamischen Staaten und den asiatischen Staaten, die ihnen Waffen liefern werden. In diesem Szenario werden für die Zukunft zahlreiche Konflikte vorausgesehen was die Aufrechterhaltung einer starken amerikanischen Verteidigung rechtfertigt – zweifellos liegt darin sein Reiz für gewisse Kreise in den USA.

Huntington definiert eine Zivilisation als "höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und allgemeinste Ebene kultureller Identität der Menschen außerhalb der gattungsspezifischen Besonderheiten". Er kennt die folgenden größeren Zivilisationen von heute: sinisch, japanisch, islamisch, Hindu, slawisch-orthodox, "möglicherweise afrikanisch" und westlich. Er sagt, die westliche Zivilisation werde "von Wissenschaftlern gemeinhin in drei größere Komponenten aufgeteilt: Europa, Nordamerika und Lateinamerika", und für seine Zwecke behandelt er dies drei als voneinander getrennte Zivilisationen.

Ein Grund, warum Huntingtons These Überzeugungskraft entwickeln konnte, liegt in ihrer Vertrautheit. Die Vorstellung von Zusammenstößen zwischen Zivilisationen, von Rassenkriegen, von der Drohung der Horde, ist uns vertraut seit der Entdeckung von Welten jenseits unserer eigenen Grenzen. Zwischen der nichtwestlichen Welt und Europa herrschte Spannung, seit Europa durch die großen Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts in direkten Kontakt mit den asiatischen Zivilisationen gekommen war und die Erforschung und Kolonisierung von Amerika und Afrika begonnen hatte.

Das Machtgefälle zwischen Islam, China und den indischen Staaten war zu jener Zeit nicht groß. China war eine höher entwickelte und besser regierte Gesellschaft als das Europa des 16. Jahrhunderts. Aber im 17. und 18. Jahrhundert eignete Europa sich eine moderne Wissenschaft und Technologie an, festigte seine ohnehin bestehende Überzeugung von seiner moralischen Überlegenheit über "zurückgebliebene" und heidnische Gesellschaften und leitete daraus sein Recht zur Herrschaft über andere ab – mit Konsequenzen, die sich als das wichtigste Thema der modernen Geschichte erwiesen haben. In dieser Hinsicht ist der "Zusammenprall der Zivilisationen" vierhundert Jahre alt. Die britische Eroberung des Indiens der Mogule und der südasiatischen Hindu-Königreiche, die Unterwerfung Chinas und Indochinas durch die westlichen Mächte, die britische Vorherrschaft in Persien, die erzwungene Auflösung des Osmanischen Reiches durch die Europäer, sogar im 20. Jahrhundert der Kampf zwischen Russland und dem Westen: All das waren Zusammenstöße von Zivilisationen. Huntingtons Aufmerksamkeit wurde geweckt, weil inzwischen Bevölkerungsbewegungen, Immigration, moderne Verkehrsmittel, Technologie und Kommunikation die Gesellschaften einander viel näher gebracht haben als in der Vergangenheit, weil die bestehenden Spannungen sich ausgeweitet und intensiviert haben und die nicht-westlichen Gesellschaften nunmehr die Macht besitzen, gegen den Westen zurückzuschlagen. In diesem Zusammenstoß trägt der Westen nicht mehr automatisch den Sieg davon.

Huntingtons Schema ist jedoch auch aus einem anderen Grunde vertraut. Es handelt in Wirklichkeit gar nicht von Zivilisationen. Er hat eine Liste der wichtigeren Mächte oder Macht- und Interessengruppen von heute aufgestellt und beschlossen, sie Zivilisationen zu nennen: Nordamerika, die Europäische Union, Russland, und einige seiner orthodoxen Nachbarn, Japan, China und Indien. Der Islam weist in Huntingtons Schema den Nachteil auf, dass er nicht über einen Kernstaat verfügt. Mehr noch: Die Muslime Bosniens, der Türkei, Indiens, Chinas, Zentralasiens, Malaysias, Indonesiens wie auch die islamischen Gesellschaften Afrikas südlich der Sahara teilen nur wenige Interessen oder Konflikte mit Ägypten (das nach Huntingtons Überzeugung arabisch ist), mit dem Iran, den Maghreb-Staaten und den eigentlichen arabischen Staaten. Huntington sieht sich daher gezwungen, den Islamismus – islamischen Fundamentalismus – als kennzeichnenden Kern der islamischen Zivilisation zu behandeln, den er in Zukunft für wichtig hält.

Lateinamerika und "möglicherweise Afrika" werden um der geographischen Vollständigkeit willen in seine Liste unabhängiger Zivilisationen aufgenommen. Sodann verfasst er Szenarien, die gegenwärtige Spannungen zwischen diesen Gruppen in die Zukunft projizieren, und tauft sie "Zusammenstöße der Zivilisationen". Dass er Nordamerika von der europäischen Zivilisation und Lateinamerika von beiden trennt, dass er China und Japan als getrennte Zivilisationen wahrnimmt, Iran, Indonesien und Ägypten dagegen einer gemeinsamen Zivilisation zurechnet – all das erweist sich als notwendig, weil Nordamerika, Westeuropa, Japan und China heute konkurrierende Gesellschaften sind und zweifellos auch Rivalen bleiben werden; sie müssen als unterschiedliche Zivilisationen identifiziert werden, damit sein Schema funktioniert, alle unterschiedlichen islamischen Gesellschaften im wesentlichen als eine zu behandeln. Dieses Schema, einmal allen Geredes über Zivilisationen entkleidet, ist eine banale Übung in futurologischer Spekulation über die heutigen Machtzentren.

Huntington behandelt Zivilisationen als politische Einheiten. Das sind sie nicht. Zivilisationen entscheiden nicht, handeln nicht, und führen keine Kriege. Die Kolonialimperien England, Frankreich, Portugal und Spanien gehörten sämtlich der westlichen christlichen Zivilisation an, aber ihre Reiche kamen zustande, durch Handelsgesellschaften und Regierungen, die aufgrund nationaler Imperative handelten. Das Indien der Mogule war ein Teil der islamischen Zivilisation, so wie heute der Irak, aber der Islam war nicht das Indien der Mogule, und er ist nicht der Irak. Dies sind individuelle politische Einheiten innerhalb einer Zivilisation.

Huntingtons Theorie reagiert auf zwei hervorstechende Probleme der Gegenwart – den islamischen Fundamentalismus und die Herausforderung Japans und Chinas an Amerika. Bei der letzteren handelt es sich jetzt in erster Linie um eine ökonomische Konkurrenz; Huntington geht jedoch davon aus, dass diese Konkurrenz in der Zukunft politischer und strategische Natur sein wird. Im Falle des Islam nimmt er an, dass der Fundamentalismus zum entscheidenden Merkmal der moslemischen Welt werden wird, oder doch zumindest ihrer mittelmeerischen und afrikanischen Gebiete.

Huntington bringt es fertig, die Feindschaft der arabischen Staaten gegenüber den USA und dem Westen zu diskutieren, ohne die gewaltsame Errichtung des Staates Israel 1948 auf palästinensischem Boden mehr als nur beiläufig zu erwähnen. Er stellt fest, dieses Ereignis und der daraus folgende Krieg von 1948 habe "die Grundlage für den anhaltenden arabisch-israelischen Antagonismus" gelegt, als sei dies die einzige Folge gewesen. Er berücksichtig auch nicht, dass der Iran und die Länder des arabischen nahen Ostens und des Maghreb ihrerseits keine durchgängige Geschichte der Feindschaft gegenüber dem Westen besitzen, nicht einmal in der modernen postkolonialen Periode. Der Irak war in den fünfziger Jahren im Rahmen des Bagdad-Paktes mit dem Westen verbündet. Der Iran war bis zur Revolution von 1979 der wichtigste regionale Alliierte der Vereinigten Staaten. Ägypten, heute ein Verbündeter Washingtons, galt in den fünfziger und sechziger Jahren in Washington als – wie es heute heißen würde – "Schurken-Staat" und als Komplize, wenn nicht gar Marionette Moskaus. Andererseits führten der Iran und der Irak zwischen 1980 und 1988 einen der größten und blutigsten Kriege der Gegenwart mit rund 1 Million Toten.120)

Der islamische Fundamentalismus ist Huntingtons große Sorge; er ist nicht bereit, ihn als einen gesonderten, kontroversen und umstrittenen Faktor der islamischen Religion und Politik von heute zu betrachten, der sich eher nach innen als nach außen richtet. Das Interesse der islamischen Fundamentalisten am Westen besteht darin, ihn zu vertreiben und seine politischen, kommerziellen und kulturellen Einflüsse aus ihren Gesellschaften fernzuhalten. Sie haben keinerlei Interesse, nicht assimilierbare Bevölkerungen von Ungläubigen zu annektieren. Außerdem sind sie bereit, sich mit westlichen Religionen in einem gemeinsamen Kampf gegen weltliche Einflüsse zu verbünden – so etwa, als eine islamisch/römisch-katholisch/jüdische Koalition gegen die Entwürfe bestimmter Empfehlungen der UN-Bevölkerungs- und Entwicklungs-Konferenz in Kairo Front machte, und danach wieder in Peking bei der Frauen-Konferenz der UNO.

Die islamistische Bewegung ist ein Ergebnis des Scheiterns oder der Korruption der weltlichen arabischen nationalistischen und sozialistischen Bewegungen der fünfziger und sechziger Jahre in allen Bereichen der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Erziehung und der Kultur, das völlige Versagen aller politischen arabischen Regime –seien sie nun republikanisch oder monarchisch, sozialistisch oder kapitalistisch, progressiv oder konservativ. Die sozialen und politischen Fortschritte, die in den fünfziger Jahren Nasser in Ägypten versprach, ebenso wie die weltlichen Baath-Parteien (der "arabischen Widergeburt") in Syrien und dem Irak und die algerische Nationale Befreiungsfront, die Algerien von Frankreich befreite, sind ausgeblieben. Viele Menschen in dieser Region glauben jetzt, durch strikte Einhaltung der religiösen Gebote könnten sich ihre Leben und ihre Gesellschaft zum Besseren wenden. Wenn auch das scheitert, werden sie nach einer anderen Lösung suchen.

Die Konflikte in und um Israel und damit indirekt mit den USA sowie der Terrorismus von Hamas, Islamischer Dschihad etc. haben einen noch einfacheren Grund: Die Errichtung eines westlichen Staates im damals arabischen Palästina. Wenn der "Friedensprozess" jemals eine dauerhafte politische Lösung hervorbringen sollte, dann gibt es keinen Grund, warum die beiden Gemeinschaften nicht miteinander auskommen sollten, so wie Israel seit dem Krieg von 1973 mit Jordanien und Ägypten ausgekommen ist. Huntington ist überzeugt, die islamische Gesellschaft sei ihrem Wesen nach ebenso intolerant wie gewalttätig, und schon in der Vergangenheit hätten "moslemische Länder Probleme mit nicht-moslemischen Minderheiten" gehabt, "vergleichbar mit denen, die nicht-moslemische Länder mit moslemischen Minderheiten haben". So etwas kann nur sagen, wer von der Geschichte der arabischen und ottomanischen Reiche nichts weiß.

Die Spannungen zwischen islamischen Staaten im Nahen und Mittleren Osten und dem Westen sind das unmittelbare Ergebnis der Errichtung Israels121), von Konflikten aus materiellen Interessen, vor allem um Öl, oder den Spätfolgen des Kolonialismus. Andere Regionen der islamischen Welt – die islamische Türkei, Indonesien, Pakistan, Malaysia, die Moslems Indiens, Chinas, Zentralasiens, der Philippinnen, Albaniens, Bosniens, Mazedoniens, Bulgariens – mögen ebenfalls Probleme mit westlichen Regierungen und der westlichen Gesellschaft haben, aber es sind eben nicht die Probleme der Araber, und sie hängen selten mit dem islamischen Fundamentalismus oder der islamischen Religion als solcher zusammen.

Die wahre Bedeutung der These Huntingtons liegt nicht in seinen Irrtümern oder in der Tatsache, dass seine "Zivilisationen" lediglich die heutigen Machtzentren in neuem Gewande sind und seine Theorie eine bloße Projektion in die Zukunft der heutigen Streitigkeiten und ökonomischen sowie ideologischen Konflikte der Staaten bietet. In dem Huntington versucht, Zivilisationen und Kulturen aus der Peripherie der internationalen Politik in den Mittelpunkt der Bühne zu rücken, begibt er sich auf einem Weg, dessen Konsequenzen ihm gar nicht klar sind, und über die bisher in der Öffentlichkeit viel zu wenig diskutiert wurde. Sein Unternehmen wirkt, als wolle man wieder einmal die Rasse in den Mittepunkt der welthistorischen Bühne stellen. Er setzt eine kulturelle Einheit ohne zurechnungsfähige politische Existenz, die Zivilisation, an die Stelle klar erkennbarer und verantwortlicher politischer Akteure: Staaten, Regierungen, Führer, Individuen. Er verkündete die historische und politische Schicksalhaftigkeit und folgert, wir seien im Griff eines anonymen Geschicks.

Mitte des 19.Jahrhundertss veröffentlichte ein junger französischer Diplomat, Joseph Arthur de Gobineau, einen vierbändigen "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen". Er bezeichnete die Rasse als den entscheidenden Faktor in der Geschichte. Sein Buch hatte damals nur geringen Einfluss, wurde aber später im Zusammenhang mit Darwins Theorien vom Überleben der fähigsten Arten wiederentdeckt. Darwins Überlegungen zur Konkurrenz der Arten und zum Kampf ums Dasein wurden in der Folge auch auf Nationen und Rasen angewandt und dort als Sozialdarwinismus bekannt. Man gewöhnte sich daran, von Geschichte als einem Evolutionsprozess zu sprechen und von "jungen" Nationen und Rassen, die ihren Platz an der Sonne suchten oder statisch oder zurückgeblieben seien oder sich im Niedergang befänden und nur noch darauf warteten, von anderen verdrängt zu werden. Aus diesem theoretischem Modell wurden politische Schlüsse gezogen.

Der Gedanke des Rassenkampfes wurde von Houston Stewart Chamberlain wieder aufgenommen, einem Engländer, der ursprünglich an Pflanzenpathologie interessiert war. Als Antisemit erblickte er "ein Völkerchaos", aus dem die deutsche "Rasse" als das höchste Beispiel der Menschheit hervorgetreten sei, während die Juden besonders rückschrittlich seien. Sein Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899 erschienen) war ein ungeheuerer internationaler Erfolg.122) Er vertrat auch die Ansicht, die menschliche Rasse könne durch selektive menschliche Zuchtauswahl verbessert werden, durch "Eugenik", die ihren Namen durch Darwins Vetter Francis Galton (1822 – 1911) erhalten hatte. Eugenik wurde zu einer einflussreichen Theorie in Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten (wo 1943 in dreißig Staaten die Sterilisierung der als genetisch "fortpflanzungsunwürdig" Eingestuften zugelassen war).

Chamberlain war in vielerlei Hinsicht ein kultivierter Mann, ein begeisterter Anhänger der Musik Richard Wagners. Er lebte noch solange, dass Hitler 1927 an sein Totenbett treten und ihm die Hände küssen konnte. Was er davon gehalten hätte, wie Hitler später seine Theorien in die Praxis umzusetzen versuchte, um das jüdische Volk auszurotten und eine deutsche Herrenrasse zu züchten, lässt sich nicht sagen. Wohlmeinende Theoretiker machen sich häufig nicht allzu viel Gedanken über die Implikationen ihrer Theorien. Das hatte auch der große Tocqueville schon 1853 seinem jungen Freund Gobineau gesagt. Tocqueville bezeichnete Gobineaus Rassentheorie als eine Prädestinationslehre. Die logische Konsequenz dieser Theorie sei "eine ungeheure Einschränkung, wenn nicht die vollständige Beseitigung der menschlichen Freiheit".

Das gilt genauso für das Buch von Samuel P. Huntington. Sein Argument, in der Zukunft würden Kriege zu Konflikten zwischen Zivilisationen, verlagert die Verantwortung für diese Kriege aus dem Bereich des menschlichen Willens und der politischen Entscheidung auf die der kulturellen Vorbestimmtheit. Wenn wir akzeptieren, dass die Konflikte der Zukunft im Grunde kultureller Natur sind, müssen wir zu dem Schluss kommen, das es für die keinerlei Lösung geben wird. Wenn der Moslem der tödliche Feind des Europäers ist, weil er Moslem ist, und der Japaner, weil er Japaner ist, und Europäer und Amerikaner deren Feinde, weil sie der westlichen Zivilisation angehören, dann haben alle die Kontrolle über ihre Zukunft verloren. Der islamischen oder japanischen oder westlichen Zivilisation anzugehören, ist keine Verhandlungsfrage – so wie man auch nicht über seine jüdische Identität verhandeln kann.

Für die Zugehörigkeit zu einer Zivilisation, wie für die Zugehörigkeit zur Rasse entscheidet man sich nicht; sie ist kompromisslos, nicht wählbar. Wenn Konflikte, in denen heute Verhandlungslösungen als möglich gelten – Streitigkeiten um Territorien, Handelsbedingungen, Rohstoffe, Machtstreben, Geopolitik, Ideologie – nun als Zusammenstöße von Zivilisationen interpretiert werden sollen, dann wird damit die Möglichkeit ihrer Lösung bestritten. Kriege zwischen Zivilisationen können noch nicht einmal gewonnen werden, außer durch die Vernichtung einer andere Zivilisation.

Huntington beschließ sein Buch mit einem Aufruf zur Toleranz, damit Zivilisationen lernen könnten, in Frieden miteinander zu leben, in Kooperation für das gemeinsame Wohl – aber seine Theorie sieht eine andere Zukunft voraus, mit moralisch wie politisch katastrophalen Konsequenzen. Zum Glück ist seine Theorie falsch und es gibt bessere.123) Die relevanten Konflikte der Welt von heute, ebenso wie jene der Zukunft, haben mit nationalen Interessen zu tun, mit nationaler Expansion, mit Macht, Geld, Kommerz, Territorien, Öl, Geschichte, religiösen und politischen Ideologien, mit dem Machtstreben von Politikern und den Leidenschaften ganzer Völker. Für sie alle gibt es Lösungen. Wenn einige dieser Lösungen nur als Ergebnis eines Krieges zustande kommen, dann handelt es sich doch um einen Krieg zu einem definierten Zweck, und es gibt ein Ende für ihn. Kriege zwischen Zivilisation haben weder Grenzen noch ein Ende.

Was bleibt also zu tun für den Westen? Hunderte Millionen Muslime leben in geographischer Nähe zu Europa und zum kleinen Teil bereits in den Staaten der EU. Deshalb und wegen des starken Zuwanderungsdrucks aus den übervölkerten Städten Asiens und Afrikas hat Europa ein vitales Interesse an der Vermeidung eines globalen "clash of civilizations" mit dem Islam; die Massen islamischer Gläubiger machen heute schon rund ein Fünftel der Menschheit aus, und ihr Anteil steigt. Deshalb muss die Europäische Union für Dialog und Toleranz gegenüber dem Islam eintreten. Deshalb kann die EU keine politischen Aktionen unterstützen, die von den islamischen Völker als Provokation empfunden werden. Die hierzulande grassierende Angst vor einem vermeintlich gefährlichen Islam, der angeblich unsere Zivilisation bedroht, ist das Spiegelbild der Ängste vieler Muslime vor den Schrecken der westlichen Welt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Eiferer der einen Seite den Eiferern der anderen in die Hände spielen. Nüchterne Informationen tun Not, und nicht das Geraune.

Eine erste Schlussfolgerung aus diesen Betrachtungen ist, dass es für die Staatengemeinschaft der Zukunft unverzichtbar bleiben wird, auf der Anerkennung der internationalen Regeln des Völkerrechts und der Beachtung der entsprechenden Grundlagen der UN-Charta zu bestehen (und das muss auch für die USA als Hypermacht gelten). Es handelt sich dabei um die Toleranzgebote der internationalen Beziehungen. Voraussetzung für deren Glaubwürdigkeit auch in der islamischen Staatenwelt ist, dass die Weltinstitutionen nicht für eine westliche Interessenspolitik gegen die islamische Hemisphäre missbraucht werden. Ohne Sensibilität für religiöse und kulturelle Identitätsprobleme wird die traditionelle Machpolitik aber weiterhin demütigen, verwundeten Stolz noch mehr verletzen, kollektive Demütigungen verstärken und so das weltpolische Klima verschlechtern.

Ein zweites Resultat der Überlegungen besteht darin, dass wir zweifellos die inneren Verhältnisse in islamischen Staaten nicht an unseren westlichen Wertvorstellungen messen dürfen, geschweige denn sie zur Bedingung internationaler Zusammenarbeit machen können. Selbstverständlich müssen wir darauf bestehen, dass internationale Menschenrechtsvereinbarungen beachtet werden. Der westliche Menschenrechtsbegriff, der aus der spezifischen geistigen und geschichtlichen Entwicklung Europas heraus gewachsen ist, kann aber auf den islamischen Raum nicht einfach übertragen werden. Die Legitimation islamischer Staaten, z.B. in ihrem Hoheitsgebiet gotteslästerndes Schrifttum zu verbieten, kann eigentlich nicht bestritten werden – auch westliche Demokratien setzen, wenn auch andere, Grenzen für die Verbreitung von Schrifttum. Anders formuliert: Wie tolerant darf man gegenüber der Intoleranz sein? Kann oder muss eine demokratische Wahl beispielsweise anerkannt werden, wenn der Sieger sich ausdrücklich dazu bekennt, den Entscheidungsmechanismus der demokratischen Mehrheitsbildung nach gewonnener Wahl so rasch wie möglich außer Kraft zu setzen (Beispiel Algerien)?

Ein drittes Ergebnis einer zukunftsfähigen Politik muss sein, dass die Thematik "Dialog der Kulturen/Dialog in den Kulturen" in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rückt. Gibt es denn wirklich außer Angst und Ablehnung keine anderen Formen der Begegnung mit dem Fremden? Hat diese Begegnung nicht vielleicht doch eine Rückwirkung auf das eigene Selbstverständnis? Wenn man heute von einer sich als christlich definierenden europäischen Kultur und einer ihr entgegengesetzten, orientalischen, sich als islamisch definierenden Kultur ausgeht, wird offensichtlich, dass eine ernsthafte und grundlegende Auseinandersetzung mit den Fundamenten des jeweils anderen Kulturkreises, also auch mit der Religion, unvermeidlich ist.

Von einem Dialog zwischen Christentum und Islam kann aber erst dann gesprochen werden, wenn einerseits die Muslime die Relativierung christlicher Theologie und Wahrheitsansprüche nicht gleich als die Überlegenheit eigener Positionen verstehen und so quasi auf die Konvertierung des Papstes warten, sondern in ihnen die Früchte von Aufklärung, Säkularisierung und Pluralismus entdecken. Andererseits ist zu fragen, ob die christlich geprägte abendländische Welt mit ihrem Kirchen- und Weltverständnis überhaupt imstande ist, von ihrem Selbstverständnis her in diesem Dialog wirksam zu werden und was für eine Kirche müsste das denn sein, die diesen Dialog führen kann? Sicher nicht die heutige Amtskirche, sondern eine veränderte, auf den Grundalgen des Zweiten Vatikanischen Konzils aufbauende, für die es allerdings momentan wohl keine Mehrheiten gibt.

Deshalb sollten die Religionen einen eigenen "Sicherheitsrat" bilden, der mit kultureller Sensibilität an die Wurzeln der Krisen herankommt und Auswege nicht auf der Machtebene, sondern auf der Verständigungsebene sucht. Wenn das nicht geschieht, gerät bei Krisen das Verhältnis zwischen den Religionen mehr und mehr in den Verantwortungsbereich von Verteidigungsministern. Das aber wäre für die Religionen ein unwürdiger und unerträglicher Zustand.

Gerade für Europa ist ein vierter Aspekt wichtig: eine Partnerschaft am Mittelmeer. Die Europäische Union und die Mittelmeerländer haben eine euro-mediterrane Partnerschaft mit einem interkulturellen Dialog und einer Freihandelszone bis zum Jahre 2010 beschlossen.124) Damit wird es nicht nur zu einem Strukturwandel kommen, sondern es werden auch Strukturbrüche verursacht. Die Umstellung wird zu sozialen Verwerfungen und Krisen führen, die zum Nährboden für Demagogen werden. Die Freihandelszone ist ein ebenso interessantes wie sensibles Projekt, denn sein Gelingen hängt davon ab, ob es Partner gibt, die sich darauf einlasen. Dieses Projekt zielt darauf ab, dass der von Huntington vorausgesagte "Kampf der Kulturen" nicht zur self-fulfilling prophecy wird. Diese Partnerschaft kann aber nur gelingen, wenn sich auch die Religionen auf eigene Programme in diesem Prozess verständigen.

Ein fünfter Arbeitsbereich ist das Thema Wasser. Wasser wird zu einem friedensrelevanten Streitthema.125) In der aktuellen Situation im Nahen Osten bleibt wenig Raum für Vernunft, es sei denn, es gäbe so etwas wie einen Präventivdialog. Juristen, Wasserexperten und Politiker werden zu prüfen haben, ob die Verfügungsmacht über Flüsse nur dem Land gehört, in dem die Quelle liegt, auf welche Modelle der Konfliktlösungen die Anrainerstaaten sich einigen können und sollen und was dagegen zu tun ist, dass 80 Prozent aller Krankheiten in den Ländern des Südens auf die schlechte Wasser- und Hygienesituation zurückzuführen sind. Darüber können die Religionen nicht entscheiden, doch sie sollten das Wasser zum Thema eines interreligiösen Dialogs machen, weil aus Konflikten um Wasser oft auch soziale, ethnische und Kulturkonflikte entstehen. Außerdem ist der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser ein Thema religiöser Erziehung und es geht natürlich auch die Religionen etwa an, ob Wasserknappheit einen Migrationsdruck auslöst und ob die Dürretoleranz von Pflanzen gentechnisch zu verbessern ist.126)

Ein sechstes Aufgabenfeld wird der Kampf um eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und ein Umdenken in der Umweltpolitik sein. Die Chancen der Globalisierung müssen fairer verteilt werden. Das ist dringend geboten, denn eine Globalisierung, die sich selbst überlassen bleibt, macht aus freien Märkten wilde Märkte und entwickelt Sachzwänge, die die Ökonomie zu einem alles beherrschenden Thema machen, das spirituelle Nachdenklichkeit an den Rand drängt. Ökonomisches Denken wird den Anspruch erheben, Sinnfragen mit höherer Produktivität zu beantworten. Die Religionen haben auf die moralische Dimension der Verschuldung hinzuweisen –bei den Gläubigern und bei den Schuldnern. Sie haben aber auch bewusst zu machen, dass die ungelöste internationale Schuldenkrise allen schadet, denn nicht nur die Schuldner, sondern auch die Gläubiger sitzen in der Schuldenfalle, solange es ihnen nicht gelingt, die Weltwirtschaft schuldenpolitisch zu entstören. Sie verzichten auf potentielle Zukunftsmärkte, bestrafen sich also selbst.

Die Erhöhung der Entwicklungshilfe auf die seit Jahren versprochenen 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes muss immer wieder thematisiert werden, denn der Schlüssel für eine nachhaltige Eindämmung von Konflikten liegt in der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Krisenregionen. Dazu gehört auch, die Märkte der Industrieländer für die Produkte der Schwellenländer zu öffnen. Die Industrieländer sind vielfach zu selbstsüchtig. Der geschäftsführende Direktor des IWF, Horst Köhler, erklärte dazu: "Die vielen Subventionen, die den Marktzugang erschweren, müssen weg". Die reichen Länder müssen zudem die medizinische Versorgung in der dritten Welt verbessern, und die neuesten Technologien auch für die ärmsten Länder verfügbar machen.

Nach Angaben der Weltbank127) dürfte die Weltbevölkerung die Zahl von rund 9 (heute: 6) Milliarden Menschen erreichen. Das dann vermutlich erwirtschaftete globale Sozialprodukt wird auf ca. 140 Billionen US-Dollar veranschlagt, was einer Vervierfachung gegenüber heute entspricht. Aber bereits heute leben 1,3 Milliarden Menschen in Regionen, deren Umwelt stark zerstört und extrem lebensfeindlich ist. Die Zahl der Menschen die auf sogenannten fragilen Böden – Trockengebiete, Hanglagen, Feuchtgebiete und Wälder – leben muss, steigt weiter an. Deren Überleben hängt aber maßgeblich vom Schutz der zusehends gefährdeten Ressourcen in diesen Zonen ab. Zum anderen dürften bis zur Jahrtausendmitte zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Damit einher gehen gewaltige Anforderungen an den Ausbau der lebensnotwendigen Infrastrukturen wie Energie- und Wasserversorgung, Unterkunft, Bildung usw. In den kommenden Jahren wird auch der Druck der Bevölkerung auf küstennahe Regionen zunehmen und dort massive Schäden der Ökosystem verursachen. Um eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern, müssen weltweit die Ressource Wasser besser gemanagt und die biologische Vielfalt bei der Erschließung neuer Flächen stärker geschützt werden. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass fehlgeleitete Strategien und schwache Regierungsinstitutionen sich wiederholt in Umweltzerstörungen und destabilisierend wirkenden Einkommensunterschieden niedergeschlagen haben, die später das Einfallstor für Katastrophen wie Hungersnöte, Kriege oder soziale Unruhe darstellten. Armut und Hoffnungslosigkeit, vor allem der jungen Menschen, sind der ideale Nährboden für die Rekrutierung durch nationalistische Demagogen.

Ein siebenter Komplex wird das Gebiet von Kriegen und Konflikten der Zukunft sein. Die geostrategische Lagebeurteilung des "National Intelligence Council" der USA mit dem Titel "Global Trends 2015" entwirft ein Bedrohungsbild, das sich mit Privatisierung der Gewalt umschreiben lässt. Internationale Syndikate organisierter Kriminalität könnten Staaten mit ABC-Waffen erpressen. Sie werden von Terror-Regimen finanziell und logistisch unterstützt, leben ideologisch von einer aggressiven Mischung aus ethnischen, nationalen und religiösem Fundamentalismus, finden Nährboden in der Armutsszene, zielen mit Raketen kurzer Reichweiten auf Menschenverluste und werden von Staaten instrumentalisiert, die sich selbst keinen offenen Krieg mehr leisten, aber dennoch über Handlanger Teilzeile mit Gewalt erreichen, zumindest aber die Weltordnung, die nicht ihre Ordnung ist, destabilisieren wollen.128)

Ein achter Gesichtspunkt betrifft die sicherheitspolitische Betrachtungsweise. Bei allen Atommächten findet man keine große Bereitschaft den Weg zur atomaren Abrüstung zu gehen. Ganz im Gegenteil werden offensichtlich – wie am amerikanischen Beispiel aufgezeigt – Überlegungen angestellt, atomare Waffen in Zukunft nicht mehr als Abschreckungswaffen sonder als militärisch einsetzbare Kriegsführungswaffen zu betrachten. Es ist unschwer vorauszusehen, dass dies in Zukunft auch die islamischen Staaten - gerade im Nahen Osten - verstärkt dazu veranlassen dürfte, schon aus Identitätsgründen und weil Israel ebenfalls über Atomwaffen verfügt, ein eigenes atomares Abschreckungspotential aufzubauen.129) In Verbindung mit dem bereits jetzt vorhandenem beträchtlichem Militärpotential (der Nahe Osten ist nach der Abrüstung in Mitteleuropa der am dichtesten bewaffnete Raum der Welt) bedeutet es die Forstsetzung einer selbstzerstörerischen Rüstungsdynamik, ohne dass damit ein einziges Problem gelöst wäre. Da der Nahe Osten gleichzeitig die spannungsreichste Region der Weltpolitik ist, bedeutet eine solche Sicherheitspolitik nichts anderes als erhöhte Unsicherheit für alle.

Ein neunter Themenkomplex muss sich der Frage widmen, wie die Koexistenz westlicher und islamischer Werte innerhalb eines Staates möglich sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit einer "multikulturellen" Gesellschaft bei gleichzeitiger jeweils konsequenter Inanspruchnahme westlicher und islamischer politischer Wertvorstellungen ist ehe zu bezweifeln.130) Wenn es unterschiedliche Vorstellungen über das Verhältnis von Politik und Religion gibt und diese fundamentalen Charakter haben, ist eine Staatsintegration nur schwer vorstellbar. Als eine Gefahr bei derartigen Konstellationen zeichnet sich das Nebeneinader zweier Systeme in einem Staat ab, was in letzter Konsequenz möglicherweise Bürgerkrieg, Unterdrückung und Vertreibung (Beispiel Balkan) bedeuten könnte. Im Zentrum des Problems steht dabei die grundsätzliche Spannung zwischen unseren westlichen Grundrechtsprinzipien überhaupt und anderen Politikkonzeptionen. Beim Zusammenleben in einer gemeinsamen Gesellschaft kommt es zum Schwur.


Anmerkungen

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1) Am 11. September 2001 starben mehr als dreimal so viele Menschen, wie in allen terroristischen Anschlägen der vergangenen 30 Jahre zusammengezählt.
2) Vgl. Peter Barth, Internationaler Terrorismus im Zeitalter der Globalisierung, München 2002
3) vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.Jahrhundert. München-Wien 1996
4)vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Tübingen 1934
5) bestätigt wird diese These durch die relativ neue Forschungsrichtung NRM - Research (New Religious Movement). Vgl. David Barrett, George Kurian, Todd Johnson, World Christian Encyclopedia, New York 2001. In diesem zweibändigen Standartwerk von 2400 Seiten sind sämtliche Religionsformen und -gruppen in den Ländern der modernen Welt aufgeführt. Die fünf Weltreligionen des Christen- und Judentums, des Islam, des Hinduismus und des Buddhismus sind nur die Spitze einer gewaltigen, spirituellen Evolution, die mit dem Beginn der globalen Säkularisierung im 19. Jahrhundert überhaupt erst ihre wahre Dynamik entwickelte. Über 9900 eigenständige Religionen haben Barrett und seine Kollegen weltweit gezählt. Und jeden Tag kommen statistisch gesehen zwei bis drei neue Bewegungen dazu. Die NRW-Forschung unterscheidet dabei nicht zwischen Religionen, Sekten und Kulten. Denn die Froscher haben oft genug nachvollzogen, wie aus eine kuriosen Sekte im Hinterland eine weltweite Glaubensrichtung wurde. Rund 33.000 Konfessionen gibt es heute weltweit, um das Jahr 1900 waren es nicht mehr als 1800.
6) So genannt nach dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der am 28. September 1970 starb
7) Nun hat schon Joseph A. Schumpeter konstatiert, dass Prognosen "nie mehr als eine Feststellung der in einem Beobachtungsobjekt vorhandenen Tendenzen enthalten können. Diese sagen uns niemals, was mit dem Objekt geschehen wird, sondern nur was geschehen würde, wenn sie weiterhin wirkten, wie sie in dem Zeitabschnitt wirksam waren, den unsere Beobachtung umfasst, und wenn keine anderen Faktoren aufträten". Vgl. Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1972, S. 105
8) vgl. Berlusconi hält an "Überlegenheit des Westens" fest, in: FAZ vom 29. September 2001, S. 5; FR vom 28.9.2001
9) vgl. "Bischof Krenn erregt die Gemüter", in FAZ vom 22.8.2002
10)Die zahlreichen Diskussionen nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 haben eine massive Begriffsverwirrung ausgelöst. Einerseits wurden "Islamisten" mit "Terroristen" gleichgesetzt, andererseits unterschied man zwischen "Islamisten" und "militanten Islamisten" beziehungsweise "Extremisten", die zumindest den Keim zum "Terrorismus" legen. Fachwissenschaftler verstehen unter "Islamismus" oft nichts anderes als den "islamischen Fundamentalismus". Die Islamisten selbt lehnen den Begriff "Fundamentalismus" meist als nordamerikanisch-christlich geprägt und somit diffamierend ab. Andererseits verwenden Muslime zunehemend selbst den arabischen Begriff "usuliyun", was soviel heißt wie "diejenigen, die sich an ihren Wurzeln bzw. Fundamenten orientieren". Deshalb kann man guten Gewissens auch für den Islambereich den Begriff "Fundamentalisten" im Sinne der "usuliyun" verwenden. Islamismus (arabisch islamiyya) ist also der Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, von denen nur wenige gewaltbereit sind. Oft wird er mit "islamischen Fundamentalismus" gleichgesetzt, wobei Fundamentalismus eben eine christliche, nicht unbedingt übertragbare Definition ist. Der Islamismus als politische Ideologie entwickelte sich innerhalb einer breiteren Bevölkerung, als in den sechziger und vor allem siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der arabische säkulare Nationalismus scheiterte. Dazu kamen der soziale, kulturelle und ökonomische Verfall vieler islamischer Staaten, rapide Urbanisierung und Arbeitslosigkeit, aus denen ein Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen und seinen Errungenschaften resultierte. Zu den islamistischen Vordenkern gehören vor allem der Ägypter Saiyyd Qutb und der Pakistani Maulana Maududi. Islamisten teilen die Vorstellung, dass die islamische Welt sich aus Ungerechtigkeit und Armut nur erheben kann, wenn die Muslime zur ursprünglichen, reinen Gesellschaftsform des "Golden Zeitalters" des Propheten zurückkehren. Sie erkennen die Trennung zwischen Staat und Religion nicht an und verlangen die volle Anwendung des islamischen Gesetzeswerke, der Scharia. Fast alle Islamisten sind Laien, die wenig von der komplexen und reichen Interpretationsgeschichte des Islam verstehen. Der Islamismus ist überall dort gescheitert, wo versucht wurde, ihn in praktische Politik zu verwandeln. Zum arabischen Nationalismus vgl. Eliezer Tauber, "The Emergence of the Arab Movement " und "The Arab Movements in World War I", London 1993
11) vgl. Gudrun Krämer, Gottes Staat als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie, Baden-Baden 1999, S. 25
12) Le Nouvel Observateur, 15.-21. Januar 1998, zitiert nach der englischen Übersetzung von Bill Blum, www.counterpunch.org/brzezinski.html
13)Zu den Unterzeichnern dieser Erklärung der Führer von 46 islamistischen Gruppen gehörten unter anderem die Chefs der Muslimbrüder Ägyptens, Syriens und Jordaniens, der Führer der algerischen Hamas, der Führer der tunesischen Nahda, sowie der Gründer und Führer des Politbüros der palästinensischen Hamas.
14)
Vgl. Arundhati Roy, Wut ist der Schlüssel. Ein Kontinent brennt - Warum der Terrorismus nur ein Symptom ist, in: FAZ vom 28.9.2001
15) vgl. Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte, Frankfurt 1991. Im Sommer des Wendejahres 1989 hatte Fukuyama, damals stellvertretender Direktor des Planungsstabes im US-Außenministerium, in der Zeitschrift "The National Interest" erstmals seine These veröffentlicht, dass die freiheitliche Demokratie sich als "Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit", als "endgültige, menschliche Regierungsform" erwiesen habe; ihr Siegeszug um die Welt sei nicht mehr aufzuhalten.
16) Vgl. Rudolf Zewell (Hrsg.), Islam - Die missbrauchte Religion?, München 2001
17) vgl. Karl Popper, Die offene Gesellschaft, Tübingen 1992
18) vgl. Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt 1993; Peter Barth, Der Zerfall Jugoslawiens und die Folgen für Europa, 2. Auflage, München 2001
19) vgl. Alfred Hettner, Der Gang der Kulturen über die Erde, Leipzig, Berlin 1923
20) vgl. Heinrich Schmitthenner, Lebensräume im Kampf der Kulturen, Heidelberg 1938
21) vgl. A. Kolb, Die Geographie und die Kulturerdteile, in: A. Leidlmair (Hrsg.), Hermann von Wissmann-Festschrift, Tübingen 1962, S. 42-50
22) vgl. Raymond Aron, Frieden und Krieg, Frankfurt/Main 1962
23) vgl. André Malraux, Anti-Memoiren, Hamburg 1968
24) vgl. Jochen Hippler, Andrea Lueg (Hrsg.), Feindbild Islam, Hamburg 1993
25) Zitiert nach Theo Sommer, Gräber und Brücken, in: Zeit-Punkte, Hamburg Nr. 1/1993, S. 5
26) vgl. Manfred Wörner, Die atlantische Allianz in der neuen Ära, in: NATO-Brief, Brüssel Nr. 1/1991
27) vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations ? in: Foreign Affairs, Vol. 72, No. 3, S. 22-49
28) Huntington, a.a.O., S. 14
29) vgl. Thomas Meyer, Identitäts-Wahn. Die Politisierung des kulturellen Unterschieds. Berlin 1997
30) vgl. Huntington, a. a. O., S. 11
31) ebd. S. 29 ff
32) ebd. S. 21
33) vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs, Vol. 72, No. 3, S. 22-49
34) vgl. Huntington, Kampf der Kulturen, S. 414
35) ebd. S. 246
36) In seinem "Foreign Affairs"-Artikel nennt Huntington dieses Kultur konfuzianisch. Geeigneter sei jedoch der Begriff sinisch (analog zu Sinologie, Sinica, Sinisierung), da der chinesische Kulturkreis mehr als Konfuzianismus beinhalte.
37) Huntington, a.a.O., S. 500
38) ebd. S. 168 ff
39) Interessant an der Diskussion ist, dass das Gemeinsame im islamischen, christlichen und jüdischen Glauben, das das Trennen überwiegt, kaum einmal herausgestellt wird: Die Heimat der drei Religionen ist die semitische Welt der Arabischen Halbinsel, Abraham ihr gemeinsamer Erzvater, der patriarchalische Monotheismus ihre gemeinsame Botschaft, die göttliche Offenbarung ihr gemeinsames Medium, das Jüngste Gericht ihr gemeinsames Ziel, Himmel oder Hölle der Lohn für das Erdendasein. Eine weitere Gemeinsamkeit, die zugleich das größte Trennende ist, ist der Absolutheitsanspruch, mit dem die drei Religionen ihre Lehren vertreten.
40) ebd. S. 291
41) ebd. S. 522 ff
42) ebd. S. 528
43) vgl. Dieter Senghaas, Zivilisierung wider Willen. Frankfurt am Main 1998, S 140
44) In seinem Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes", einer kulturphilosophischen Untersuchung der Weltgeschichte, argumentiert Spengler, dass Zivilisationen zwangsläufig einen bestimmten Zyklus durchlaufen. Historiker sind somit in der Lage, nicht nur die Vergangenheit zu beschreiben, sondern auch die zukünftige Entwicklung der westlichen Zivilisation vorherzusagen. Seiner Ansicht nach hat der Westen bereits die kreative Kulturphase hinter sich und ist zu einer äußerlich-technisierten Zivilisation geworden, auf die unvermeidbar der Niedergang folgen wird.
45) In seiner 12-bändigen "A Study of History" legte Toynbee eine kulturphilosophische Geschichtsbetrachtung vor, welche ebenfalls auf der Annahme einer zyklischen Entwicklung von Zivilisationen basiert, an deren Ende der Niedergang der Zivilisation steht. Toynbee analysiert hier Aufstieg und Niedergang von 26 Zivilisationen der Weltgeschichte. Im Unterschied zu Spengler muss seiner Ansicht nach der Niedergang einer Zivilisation jedoch nicht zwangsläufig erfolgen. Solange eine Zivilisation über eine kreative Führungselite verfügt, ist sie in der Lage, erfolgreich auf neue Herausforderung zu reagieren. Fehlt dagegen eine solche Elite bzw. lässt deren Kreativität im Umgang mit Krisen nach, geht die Zivilisation unter.
46) vgl. Clifford Geertz, Welt in Stücken. Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. Wien 1996
47) vgl. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995; ders., Das Gesicht des 21. Jahrhunderts. München-Wien 2000; sowie: The Age of Extremes. A History of the World, 1914 - 1991, New York 1994; Eric Hobsbawm und Terence Ranger (Hrsg.), The Invention of Tradition, Cambridge u.a. 1985
48) vgl. John D. Bernal, Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin 1961
49) In einer dafür typischen Erklärung meinte der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, dass "Die satanischen Verse" eine "Beleidigung der Religion" darstellen - als ob damit das Todesurteil gegen Rushdie in irgendeiner Weise begründet worden wäre.
50) vgl. Peter Barth, Globalisierung - Chancen und Risiken, München 1999
51) vgl. dazu u.a. Bassam Tibi, Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus. Hamburg 1995
52) vgl. Jean-Claude Barreau, Die Unerbittlichen Erlöser. Vom Kampf des Islam gegen die moderne Welt, Reinbek bei Hamburg 1992
53) vgl. Andreas Meier, Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Orginalstimmen aus der islamischen Welt, Wuppertal 1994
54) Folgende Faktoren zählt Huntington als die zentralen Charakteristika der "westlichen" Zivilisation: das klassische Erbe; das westliche Christentum; die europäischen Sprachen; die Trennung geistlicher und weltlicher Macht; die Herrschaft des Rechts; gesellschaftlicher Pluralismus und die Bürgergesellschaft; repräsentative Körperschaften; Individualismus. Infolge seiner ungenauen, historisch oftmals nicht korrekten Darstellung und Bewertung dieser Faktoren relativiert er zwar seine eigene Aufzählung, um dann allerdings die Schlussfolgerung zu ziehen; "Isoliert betrachtet ist fast kein einziger der oben genannten Faktoren typisch westlich. Die Kombination dieser Faktoren ist es dagegen schon. Sie hat dem Westen seine spezifische Gestalt verliehen. Die genannten Konzepte, Praktiken und Institutionen sind im Westen wesentlich verbreiteter gewesen als in anderen Zivilisationen. Sie stellen den eigentlichen Kern der westlichen Zivilisation dar. Sie machen das aus, was am Westen nicht modern, sonder westlich ist ... Diese Konzepte und Charakteristika sind auch größtenteils jene Faktoren, die den Westen in die Lage versetzt haben, die Führungsrolle im Prozess der Modernisierung der eignen Gesellschaft und der übrigen Welt zu übernehmen". vgl. Foreign Affairs, 1993, S. 40
55) Grund für Huntingtons Identifizierung der lateinamerikanischen Zivilisation als eigene Zivilisation mag sein nordamerikanischer Blickwinkel sein, für den Lateinamerika in viel stärkerem Maße das "Andere" repräsentiert, als dies für Europäer der Fall wäre.
56) Huntington, a.a.O., S. 420; zu den aktuellen Zahlen vgl. www.akuf.de oder Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF), Das Kriegsgeschehen 2001, Opladen 2002
57) Huntington, a.a.O., S. 387 ff
58) vgl. "Irans Atom-Programm entzweit USA und Russland", in: SZ vom 2.8.2002
59) Huntington, a.a.O., S. 416
60) vgl. Harald Müller, Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington. Frankfurt/Main 1998, S. 15
61) vgl. Peter Barth, Der Kaspische Raum zwischen Machtpolitik und Ölinteressen, München 1998
62) vgl. Pierre Hassner, Das Zentrum als Peripherie. Zur geopolitischen Situation Zentraleuropas, in: Transit, 4 (1994)
63) vgl. Mary Kaldor, Alte und Neue Kriege, Frankfurt 2000
64) Senghaas, a.a.O., S. 141
65) ebd. S.141 f
66) Die Frage ist natürlich zu diskutieren, ob Amerika tatsächlich ein Imperium ist. Obwohl die USA heute sicher mehr militärische Macht hat als jedes andere Land, und obwohl es zweifellos die einflussreichste Nation der Erde ist, kann es letztlich die Erde doch nicht kontrollieren. Es kann von Terroristen angegriffen werden, die nur mit Tapezier-Messern und ihrem eigenen Leben bewaffnet sind. Amerika kann den Kriegsparteien in Israel und Palästina ebenso wenig einen Frieden aufzwingen wie den Beinahe-Kriegsparteien in Südasien, Indien und Pakistan. Es hat nicht verhindern können, dass auf der ganzen Welt Raketen-Technologie verkauft wurde oder das sich chemische, biologische und nukleare Waffentechnologien verbreitete. Es kann der Welt keine Handelsbedingungen auferlegen, weder Finanzmärkte noch Firmenpolitik regulieren. Es hat in jeder Beziehung mehr Macht als irgend jemand sonst. Und doch wirkt sogar die Macht Amerikas mickrig, wenn man ihr die riesigen potentiellen Herausforderungen oder die Aufgaben gegenüberstellt, die uns möglicherweise bevorstehen.
67) vgl. Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Weinheim und Berlin 1997
68) vgl. Günther Franz (Hrsg.), Staatsverfassungen. München 1964
69) vgl. Henry Adams, History of the United States of America During the Administration of Thomas Jefferson, New York 1986, S. 108
70) vgl. The New York Times Magazine, 19. Mai 1996
71) exemplarisch dazu: Joseph S. Nye Jr., The Paradox of American Power. Why the Worlds only superpower can't go it alone. New York 2002; Henry Kissinger, Die Herausforderung Amerikas. Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München/Berlin 2002; Peter Rudolf, Jürgen Wilzewski (Hrsg.), Weltmacht ohne Gegner. Amerikanische Außenpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Baden-Baden 2001
72) US Congress, Transcript of the House of Representatives, HR 1152, 19. März 2001
73) Anhörung über US-Interessen in den zentralasiatischen Republiken am 12.Februar 1998, House of Representatives, Subcommittee on Asia and the Pacific
74) Die von den USA geführten Militäraktionen in Zentralasien haben nach Ansicht der katholischen Bischöfe Brasiliens neben der Bekämpfung terroristischer Gruppen in erster Linie die Bewahrung der westlichen Kontrolle über die Öl- und Gastransportrouten zum Ziel. Die Gas- und Ölreserven in Zentralasien und im Kaspischen Meer wären für den Westen eine Alternative, wenn in maximal 20 Jahren die Vorräte im Mittleren Osten zu Ende ging, heißt es in der von der Brasilianischen Bischofskonferenz herausgegebenen Monatsanalyse zur politische Lage. Vgl. Frankfurter Rundschau vom 8. Dezember 2001
75) vgl. Gore Vidal. Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat, Hamburg 2002. Man muss dem amerikanischen Schriftsteller nicht in all seinen Überlegungen zustimmen, aber in seinem Buch findet sich eine beeindruckende Liste mit rund zweihundertfünfzig amerikanischen Militäreinsätzen, beginnend mit der Berliner Luftbrücke, endend vorläufig beim Kosovo-Krieg, die diesen weltweiten Hass zu verstehen hilft.
76) vgl. Frankfurter Rundschau Nr. 118 vom 24. Mai 2002, S. 7 unter der Überschrift: "Russland und der Westen sind nicht länger Feinde"
77) vgl. Jean Baudrillard über Amerikas Feldzug gegen den Terrorismus: "Das ist der vierte Weltkrieg", in: Der Spiegel, 3/2002, S. 178 ff
78) vgl. George W. Bush, State of the Union Address to Congress and the Nation, in: The York Times vom 30.1.2002; Strobe Talbott/Nayan Chanda (Hrsg.), Das Zeitalter des Terrors. Amerika und die Welt nach dem 11. September. München/Berlin 2002
79) vgl. Die Rede des Präsidenten George W. Bush vor dem amerikanischem Kongress, Entweder ihr sei für uns, oder ihr seit für die Terroristen, in: FAZ vom 22. September 2001, S. 8
80) Inder Literatur findet man momentan vier verschiedene Varianten einer US-Hegemonie: den annähernd "egalitären", mithin schwachen sowie den "gütigen" Hegemon, der auf der Führung in einem kompromissorientierten Multilateralismus besteht. Diesen auf Konsens zielenden Varianten stehen zwei auf Macht basierende Formen gegenüber: das an "strikte Bedingungen" geknüpfte Vormachtverhalten und der "bedingungslos erzwingende", also imperiale Hegemon. Die hegemoniale Außenpolitik der USA stellt sich als ein abgestuftes Kontinuum dar, dessen Extremformen Uni- und Multilaterialimus sind.
81) Vgl. "Seid vernünftig und denkt utopisch!" Ein Gespräch mit Benjamin Barber, in: Die Zeit vom 8. 11.2001 sowie Benjamin R. Barber, Demokratie im Würgegriff. Kapitalismus und Fundamentalismus - eine unheilige Allianz, Frankfurt am Main 1999
82) vgl. Washington formuliert neue Militärstrategie. Präventivschläge sollen möglich werden, in: NZZ vom 11.6.2002; US-Atombombe gegen Massenvernichtungswaffen: Neue Bush-Doktrin. Präventivschlag statt Abschreckung, in: Das Parlament, Nr. 24 vom 14. 6. 2002
83) vgl. Peter Barth, Internationaler Terrorismus im Zeitalter der Globalisierung, München 2002
84) vgl. Otfried Nassauer, Eine neue militärische Aufteilung der Welt. Die künftige Kommandostruktur der USA für eine globale Ordnung, in: Frankfurter Rundschau vom 15.7.2002
85) vgl. "Transatlantische Dissonanzen zum Terror. Konferenz über Sicherheitspolitik in München", in: NZZ vom 4.2.2002
86) vgl. Noam Chomsky, Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung, Hamburg - Wien 1999 sowie ders. The Attack. Hintergrund und Folgen, Hamburg - Wien 2002
87) vgl. www.senate.gov/foreigen/minority/2000/pro12000.cfm (abgerufen 12.12.2001)
88) vgl. Michel Chossudovsky, Global Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg, Frankfurt am Main 2002
89) vgl. Chalmers Johnson, Ein Imperium verfällt. Wann endet das Amerikanische Jahrhundert? München 2000
90) "We have found or mission", so Präsident Bush. Vgl. Steven Mufson, Foreign Policys "Pivotal Moment", in: Washington Post vom 27.9.2001
91) vgl. Jean-Charles Brisard/Guillaume Dasquié, Die verbotenen Wahrheit. Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden, Zürich 2002
92) vgl. Jürgen Habermas, Fundamentalismus und Terror. Antworten auf Fragen zum 11. September 2001, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/2002, S. 173
93) vgl. Werner Link, Die Neuordnung der Weltpolitik, Grundprobleme globaler Politik an der Schwelle zum 21.Jahrhundert, München 1998; Norman Paech/Gerhard Stuby, Völkerrecht und Machtpolitik in den internationalen Beziehungen, Hamburg 2001
94) vgl. Peter Barth, Der Zerfall Jugoslawiens und die Folgen für Europa, München 2001
95) Der Rheinische Merkur 27.12.1996
96) Auf dem Amselfeld erlitten die Serben am 15.06.1389 eine verlustreiche Niederlage gegen die Türken. Der gesamte Balkanraum wurde nach dieser Schlacht vom Osmanischen Reich abhängig. Die Serben interpretierten ihre Rolle in diesem Krieg immer als siegreiche Verteidiger des Abendlandes.
97) Wiederabdruck in Welt am Sonntag, 26.1.1997
98) Welt am Sonntag am 04.11.2001
99) Berliner Morgenpost vom 16.10.2001
100) vgl. www.undp.org/rbas/ahdr (abgerufen am 14. Juli 2002)
101) vgl. New York Review of Books, January 17, 2002
102) vgl. Edward Said, Orientalismus, Frankfurt am Main 1981
103) vgl. Wolfgang Günther Lerch, Allahs neue Krieger. Braunschweig 1991; Gilles Kepel, Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch. München 1991; Klaus-Dieter Schulz-Vobach, Mohammeds Erben. Die Fundamentalisten auf dem Weg zum Gottesstaat, München 1992
104) Die islamische Gesellschaft umfasst sowohl Muslime als auch Nichtmuslime. Zwischen ihnen gab und gibt es bis heute Scheidelinien. Die wichtigste ist die zu den Ungläubigen. Den Gläubigen, die sich zum Islam bekennen, die zur Welt der islamischen Ordnung, zum "Haus des Islam" gehören, werden vom kanonischen Recht alle Menschenrechte uneingeschränkt zugestanden. Den Ungläubigen hingegen, die zu "Bekämpfenden", werden zum "Haus des Krieges" gerechnet; sie bestehen aus zwei Gruppen: den Anhängern der Buchreligionen bzw. den Schriftbesitzern - Juden und Christen - und den Heiden bzw. Götzendienern. Letzteren lässt der Koran nur die Wahl zwischen Bekehrung zur Religion des Propheten oder Tod durch Vernichtung; für sie gibt es keine Möglichkeit, als eine heidnische Minderheit im "Haus des Islam" zu leben.
105) dazu umfassend Peter Heine, Adel Theodor Khoury und Janbernd Oebbecke, Handbuch Recht und Kultur des Islams in der deutschen Gesellschaft. Probleme im Alltag - Hintergründe - Antworten, Gütersloh 2000
106) vgl. Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland vom Februar 2002: "Deutschland soll für die hiesige muslimische Bevölkerung nicht nur Lebensmittelpunkt, sondern auch Mittelpunkt ihres Interesses und ihrer Aktivität sein"; Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (Hrsg.), Islamische Charta. Grundsatzerklärung des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) zur Beziehung der Muslime zum Staat und zur Gesellschaft, Berlin 2002, Abschnitt 16
107) Vor allem in der französischsprachigen Wissenschaft werden Islamisten auch "Integristen" genannt; inhaltlicher Bezug ist die Integration von Religion und Politik im Denken und in der Propaganda politisch-islamischer Kräfte
108) Vgl. Peter Barth, Internationaler Terrorismus im Zeitalter der Globalisierung, München 2002, S.75
109) vgl. Karl Popper, Die offene Gesellschaft, Tübingen 1992
110) amerikanische sozialpsychologische Forschungsrichtung, die durch das Studium des Verhaltens von Lebewesen deren seelische Merkmale zu erfassen sucht
111) vgl. George F. Kennan, Wolken der Gefahr, München 1978; ders., At a Century's Ending. Reflections 1982-1995, New York 1996
112) vgl. Hannah Arendt, Macht und Gewalt, München 1996
113) vgl. Raymond Aron, Erkenntnis und Verantwortung, München 1985
114) vgl. John Lukacs, Die Geschichte geht weiter. München 1996
115) vgl. Peter Barth, Sicherheitspolitik und Bundeswehr, Frankfurt 1982
116) vgl. Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. München 2002, 2 Bände
117) vgl. Hermann Kahn, Eskalation, Frankfurt a. Main 1970
118) vgl. Robert S. McNamara und Brian VanDeMark, Vietnam. Das Trauma einer Weltmacht,Hamburg 1996
119) vgl. Susanne Cassel, Politikberatung und Politikerberatung, Bern 2001
120) vgl. Arnold Hottinger, Gottesstaaten und Machtpyramiden. Demokratie in der islamischen Welt, Paderborn 2000
121) vgl. Barbara Tuchman, Bibel und Schwert. Palästina und der Westen. Vom Frühen Mittelalter bis zur Balfour-Declaration 1917, Frankfurt am Main 2002; Gudrun Krämer, Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel, München 2002
122) vgl. Houston S. Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, Bialogard 1997
123) vgl. Hans Küng, Projekt Weltethos. München 1990; Deutsche Bischofskonferenz: Christen und Muslime in Deutschland. Pastorale Handreichungen, Arbeitshilfe 106, Bonn, 4. März 1993; Handreichungen der EKD "Zusammenleben mit den Muslimen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen", September 2000
124) vgl. Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Heft B 17/99 vom 23. April 1999: Peter Schlotter, Das Maghreb und Europa; Annette Jünemann, Deutsche Mittelmeerpolitik im europäischen Rahmen; Volker Nienhaus, Entwicklung und Entwicklungsprobleme in Ländern des südlichen Mittelmeerraumes
125) vgl. Peter Barth, Krieg um Wasser? Wasserkonflikte im Nahen und Mittleren Osten. Starnberg 1994
126) vgl. Johannes Wallacher, Lebensgrundlage Wasser, Stuttgart 1999, S. 154 ff: Bedeutung von Wasser in den Religionen
127) vgl. www.worldbank.org/wdr (abgerufen am 20.8.2002)
128) vgl. Erhard Eppler, Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Frankfurt am Main 2002
129) vgl. Seymour M. Hersh, Atommacht Israel. Das geheime Vernichtungspotential im Nahen Osten, München 1991
130) vgl. beispielsweise "Stoiber lehnt multikulturelle Gesellschaft ab", in: SZ vom 10./11.2.2001

 

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